Erholung von St. Wolfgang

31. Oktober 2008, 17:00
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In St. Wolfgang im Salzkammergut, wo Touristen für ihre Sünden büßen, duckt sich ein gutes Restaurant ans Seeufer

Alles für den Wolfgangsee. Aber alles gegen St. Wolfgang. Während in dem Städtchen mit dem bekannten Operetten-Hotel sämtliche Register alpiner Touristen-Abzocke gezogen werden, liegt der See selbst scheinbar ungerührt und so bezaubernd da, wie sich das für ein Idyll gehört. Hier klares, kaltes Wasser mit reichlich Fischen, Bergpanorama oben wie unten und wenig verbauten Uferwiesen. Da die fugenlos verlegten Souvenirtrampelpfade mit ihren Heiligengeistschnitzern, Pommes-Buden, Red-Bull-Eventhotels, Sepplhutverschleißern und anderen schimmligen Gewürzstraußbindern im süßlich fetten Inländerrum-Dunst. Angesichts dieses touristischen Gruselkabinetts ist es geradezu erfreulich, dass schon vor Jahren eine mächtige Tunnel-Umfahrung in den Fels gesprengt wurde: St. Wolfgang wird somit gnädig umrundet und jenen, die es gern so möchten, durchaus unsichtbar gemacht.

Damit bleibt auch dem Rest des Sees die Chance, mit seinen einzigartigen Hideaways (Landhaus zu Appesbach!) den noch verbliebenen, guten Wirtshäusern (Hupfmühle samt Fischweiher!) und dem nicht zu unterschätzenden Charme von Strobl einen Gegenentwurf zur skrupellosen Touristen-Abspeisung zu präsentieren. Zu diesen Aufrechten gehört seit vergangenem Jahr auch ein Restaurant, das sich gefährlich nah an das Zentrum von St. Wolfgang heranwagt, mit seiner Lage direkt am See besticht - dank des Tunnels aber weitgehend unberührt vom Rummel existieren darf.

Gansleber mit wilden Hagebutten

Neben der stillen Seeterrasse punktet vor allem die Küche des "Joseph's". Patron Markus Lindenthaler und sein Koch Klaus Kienesberger bieten bei kleiner, ständig wechselnder Karte eine klug variierte regionale Küche, wie sie in diesem Teil des Salzkammerguts bislang kaum gepflegt wurde. Der Gruß aus der Küche, ein zart gesäuertes, mit Bratensaft abgerundetes Kalbsbeuschel in der Kaffeetasse samt besonders köstlichem Steinpilzraviolo schraubt die Erwartungen gleich einmal hoch. Sulz vom geschmorten Kalbswangerl, mürb und saftig, mit Linsensalat in Arganöl-Vinaigrette ist mit allerhand Blüten und Salattürmchen zwar deutlich überdekoriert, geschmacklich aber tadellos.

Kürbiscremesuppe punktet mit einem spektakulären Räucherfischcrostino mit Forellencreme und gezupftem Filet als Einlage - auch sehr gut, danke. Gänseleber, nicht gestopft und dementsprechend herzhaft, kommt in dicken, kurz gebratenen Scheiben zu Tisch, die zarte Bittere der Leber wird durch die wilde Fruchtigkeit von geschmorten Hagebutten ganz fantastisch konterkariert. Dazu ein intensives, aber (wie so oft) allzu rahmiges Steinpilzrisotto: tolle Herbstaromen auf dem Teller. Der Gosauer Hirschrücken wird zwar zu brav ins Rosagraue gebraten, dafür macht die Kakaosauce umso mehr Freude: nicht die übliche, klebrige Schokonummer, sondern ein kraftvoller, pikanter Jus mit Einsprengseln von kusprigen, herben Kakaobohnen - gut so!

Die Weinkarte hält mit der Küche locker mit, für die Einheimischen und Zweithausbesitzer der Gegend gibt es die Möglichkeit, sich zu Vinothekpreisen einzudecken. (Severin Corti/Der Standard/rondo/31/10/2008)

 

Joseph's
Markt 17
5360 St. Wolfgang
Tel.: 06138/20460
Mi-Sa 17.30-22.30 Fr auch 11.30-14 Uhr
VS EURO 7-18 HS EURO 15-27 Menü (6 Gänge) EURO 82

Foto: Gerhard Wasserbauer

  • Markus Lindenthaler in seinem kleinen Restaurant "Joseph's", das etwas abseits des Tourustenstroms liegt. Krachleder ist freilich auch hier Pflicht.
    foto: gerhard wasserbauer

    Markus Lindenthaler in seinem kleinen Restaurant "Joseph's", das etwas abseits des Tourustenstroms liegt. Krachleder ist freilich auch hier Pflicht.

  • Gänseleber, nicht gestopft und dementsprechend herzhaft, kommt in dicken, kurz gebratenen Scheiben zu Tisch.
    foto: gerhard wasserbauer

    Gänseleber, nicht gestopft und dementsprechend herzhaft, kommt in dicken, kurz gebratenen Scheiben zu Tisch.

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