Auch einige schlimme Sachen

23. Oktober 2008, 17:00
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Allein das Besteck "Mono" von Peter Raacke ist so verbreitet, dass ihm die deutsche Post sogar eine Briefmarke widmete - Zum 80er des Designers zeigt man in Berlin eine Ausstellung

Peter Raacke sorgt sich um jedes Detail. Der Designer nimmt eine kleine Pappschachtel mit Hustenbonbons aus seiner Hosentasche. "Hier, sehen Sie", sagt der Mann mit dem prächtigen grauen Lockenkopf. "Früher blieben diese Schachteln immer offen. Jetzt hat man da so Häkchen angebracht, damit der Deckel beim Schließen einrastet. Interessant, nicht?" Bei dem Designer, der den Deutschen mit dem schlichten wie schicken Besteck "Mono a" das erfolgreichste Esswerkzeug der letzten 50 Jahre beschert und die Alltagskultur der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft wesentlich mitgeprägt hat, beginnt alles bei der Neugier. "Du musst rausgehen, schauen und fragen, immer in Bewegung bleiben, sonst wird das nichts", sagt der 80-Jährige mit glühenden Augen, die verraten, was für ein flamboyanter Hitzkopf Raacke in jüngeren Jahren gewesen sein muss.

Raacke, der als einer der bedeutendsten deutschen Industriedesigner gilt, hat in seiner langen Karriere ungewöhnlich vielfältig gearbeitet. Er hat Besteck und Möbel entworfen, Verpackungen, Wagenheber, Zelte, Tapeten, Radios, Schmuck oder Lampen. Er hat einige Lachnummern und Flops geschaffen, die wohl seiner explosiven Experimentierfreudigkeit entsprangen. Aber viele seiner Ideen sind zu Designklassikern der BRD-Nachkriegsgeschichte avanciert.

"Revoluzzerkoffer"

Sein berühmter Ulmer Plastikkoffer, der eigentlich für Tapezierwerkzeug gedacht war, entwickelte sich 1966 als zeitgemäße Antwort auf den Diplomaten- und Managerkoffer zum günstigen popkulturellen "Revoluzzerkoffer". "Das war allerdings nicht meine Absicht", erklärt er. "Das hat die Presse so formuliert."

Seine funktionale und ausgewogene Formensprache war stilbildend und prägend für die industrialisierte Serienherstellung. Ebenso seine knappe Materialausnutzung. Noch heute betreibt er mit dem jungen Kollegen Peter Lasch ein Designbüro. Das Berliner Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung würdigt nun das Werk des Tausendsassas unter den Designern mit der Ausstellung "Peter Raacke: einfach modern. Vom Handwerk zum Design". Dort sind viele seiner berühmten Kreationen ausgestellt, wie eben das Mono-Besteck, das er 1958 erfand und das noch heute produziert wird, oder seine legendären Pappmöbel und "Sitze für Besitzlose", mit denen er 1967 einen kleinen Schock in den deutschen Wohnzimmern auslöste. "Das war ja eine wilde Zeit damals", sagt er. "Und ich wollte mit den Möbeln auch eine Art gesellschaftskritisches Statement abgeben." Mit den Pappmöbeln war Raacke Gast auf allen großen Ausstellungen in New York, Mailand oder Chicago.

Gold und Abfall

Die Schau in Berlin präsentiert auch ein besonders provokantes Stück aus Raackes Arbeit. In den späten Neunzigern stellte er, der sich schon früh mit Öko-Design und wiederverwertbaren Materialien im Design beschäftigte, eine Müslischale aus reinem Gold her - mit einer klaren Botschaft: "Gold landet eben nicht im Abfall." In den Beruf des Designers sei er so reingeschlittert, sagt der Vater von sieben Kindern. "Den Beruf gab's ja damals noch gar nicht." Gerade seine handwerkliche Ausbildung habe ihn geprägt, erklärt er. "Das deutsche Design hängt ja am deutschen Werkzeugmacher."

Und dann kommt er doch noch einmal auf das Mono-Besteck zu sprechen. "Das war ein Riesenflop am Anfang, ein echtes Fiasko", sagt er. "Der Fachhandel bezeichnete es als unverkäufliches Blech. In gewisser Weise war das ein Glück, denn so habe ich gelernt, dass man sich für neue Produkte auch den Markt suchen oder auch schaffen muss. An Marketing hat ja damals noch keiner gedacht. Also haben wir eine Werbekampagne kreiert, mit einer einheitlichen Verpackung, mit Anzeigen und Plakaten." Da habe er sehr viel gelernt. "Vor allem, dass man das Glück herausfordern muss, damit es einem hilft."

Rückblickend habe er aber auch einige schlimme Sachen gemacht. "Den Männern habe ich einmal ihre geliebte Mittelschublade im Schreibtisch weggenommen. Das hat man mir sehr übel genommen." Gelernt aber habe er dadurch etwas sehr Wichtiges: "Als Designer darf man nichts gegen den Menschen tun." (Ingo Petz/Der Standard/rondo/24/10/2008)

  • Designer Peter Raacke
    foto: hersteller

    Designer Peter Raacke

  • Sein größter Erfolg, das Besteck "Mono"
    foto: hersteller

    Sein größter Erfolg, das Besteck "Mono"

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