Im Reich der Mitte

23. Oktober 2008, 17:00
7 Postings

Mehr Stoff um die Körpermitte heißt noch lange nicht, dass breite Hüften hip sind - Mareike Müller sah beim neuesten Modetrend genau hin

Was zuletzt auf dem Laufsteg zu beobachten war, ist der Werbung auch nicht fremd: die Betonung der Hüfte. Aktuell blicken wir auf Plakaten des Naturhistorischen Museums Wien auf "Österreichs kleinsten Popo". Was wir sehen, ist allerdings die Venus von Willendorf, diese handgroße Figur aus der Steinzeit, sie streckt uns ihren schwellenden Hintern samt gebärfreudigem Becken entgegen.

Die Hüften, könnte man denken, sind wieder da. Waren auch nie wirklich weg, haben sich nur versteckt: Wohl kaum eine Frauenzeitschrift, die nicht schon über Modetricks berichtet hat, mit denen Frauen dicke Hüften und Hinterteile kaschieren können.

Doch während die Werbung die Hüften ungeniert und in ihrer natürlichen Nacktheit zur Schau stellt, präsentierten die Herbstschauen etwas anderes: ein wieder neues Körperbild der Frau - das ebenso wie alle anderen Silhouetten der vergangenen 50 Jahre ein Traumbild ist. Nach den zuletzt knabenhaften Mädchen ohne Hüfte, Taille, Busen laufen die Models nun eben mit künstlich erzeugter Taille umher.

Wie ein halb geöffneter Regenschirm

Beispiel Chanel: Klar betont der graue Rock, der sich wie ein halb geöffneter Regenschirm aufspannt, die Hüfte. Doch die Wirkung ist nur deshalb so dramatisch, weil die Taille darüber umso schmäler ist. Ähnlich funktionieren die Herbstmäntel bei Burberry, kniekurz, doch mit üppigem Schoß, der sich wie eine Glocke aus der Mitte der Frau entfaltet. Prada lässt wadenlangen Röcken aus St. Gallener Spitze einen breiten Bund aus der Taille wachsen, der sich so wie Fettröllchen über die Hüften legt. Aber eben nur "so wie", die Schlankheit des androgynen Models ist schließlich nicht zu übersehen. Hüfte ja, aber bitte nur bei maximal Größe 34.

Die Silhouetten in der Mode, ihr Ideal von Weiblichkeit, haben sich mittlerweile derart diametral zum Körperbau aller anderen Frauen entwickelt, dass wir nicht sicher sein können, ob sich der Hüftentrend à la Chanel irgendwann in unseren Lebenswelten wiederfinden wird: und zwar in der Form, dass Frauen zu breiten Hüften stehen können, beckenbetonende Kleidung ohne Wimpernzucken tragen - und Magazine mit "So mogeln Sie Ihre Rundungen weg" gleich in den Müll hauen. Genauso wie jenes Männermagazin mit seiner Umfrage, laut der sich die Herren der Schöpfung keine Partnerinnen mit fraulichen Hüften mehr wünschen: Nur noch weniger als die Hälfte der Männer mag angeblich Rubens-Frauen, vor zehn Jahren sollen es immerhin noch zwei Drittel gewesen sein.

"Blütenkelch"-Linie

Glück für Königin Marie Antoinette, dass sie nicht mehr unter uns weilt mit ihren matronenhaften Kleidern, die sich schon kurz unter der korsettierten Taille so breit wölbten, wie ein Tisch lang ist. Besser hätte sie es wohl bei Christian Dior und seinem "New Look" gehabt. Er schneiderte gut 170 Jaher später Kleider mit Silhouetten, die jener der Königin von Frankreich durchaus nicht unähnlich schienen: Der "New Look" erfand nach dem Zweiten Weltkrieg die Weiblichkeit wieder, schmale Taille, figurbetonende Oberteile, weite Röcke. Diese "Blütenkelch"-Linie griff man später in Filmen auf, in "Blondinen bevorzugt" von 1953 etwa, wo Marilyn Monroe ihre weiblichen Rundungen in ein rosafarbenes Taftkleid packte, mit überdimensionierter, schwarz gefütterter Schleife am Hintern: Die ganze Frau eine zuckersüße, wandelnde Geschenkverpackung, schmachtete sie "Diamonds are a girl's best friend". Wieder 35 Jahre später schlüpfte Madonna für "Material Girl" ins gleiche Kleid.

In den künstlich erzeugten Silhouetten der Mode tauchte die betonte Hüfte immer wieder auf, ob bei Vivienne Westwoods bekannter "Buffalo"-Kollektion im Herbst 1982 oder bei Christian Lacroix fünf Jahre später. Dieser orientierte sich an Frankreich im 18. Jahrhundert, Marie Antoinette lässt vage grüßen.

Für Evolutionsbiologen steht außer Frage: Die Hüfte, die sprachgeschichtlich vom mittelhochdeutschen "huf" für "gebogener Körperteil" abstammt, gilt in Form einer breiten Hüfte gemeinsam mit einer schmaler Taille als Ausweis für Fruchtbarkeit und Gesundheit. Sie ist demzufolge schlicht: ein Reproduktionsvorteil.

Das englische "hip" für "schick" hingegen hat nichts mit Hüften zu tun. Vielmehr hat man sich darauf verständigt, dass sich "hip" als Variante des englischen Worts "hep" entwickelt habe, mit dessen Bedeutung von "auf dem Laufenden". Nur für den Fall, dass Sie beim nächsten Partytalk von Ihren Hüften ablenken wollen. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/24/10/2008)

  • Die ModemacherInnen geben den Hüften derzeit mehr Stoff. Dahinter verbirgt
sich aber nicht das Bekenntnis zum breiten Becken - sondern ein wieder
neues Traumbild der Frau seitens der Mode.
    foto: hersteller

    Die ModemacherInnen geben den Hüften derzeit mehr Stoff. Dahinter verbirgt sich aber nicht das Bekenntnis zum breiten Becken - sondern ein wieder neues Traumbild der Frau seitens der Mode.

  • Opulente Schlankheit: New Look von Christian Dior, 1951.
    foto: hersteller

    Opulente Schlankheit: New Look von Christian Dior, 1951.

  • Mehrlagige Röcke bei Vivienne Westwood, 1982/83.
    foto: hersteller

    Mehrlagige Röcke bei Vivienne Westwood, 1982/83.

  • Spitzenpölsterchen um die Taille mit Prada, 2008/09.
    foto: hersteller

    Spitzenpölsterchen um die Taille mit Prada, 2008/09.

Share if you care.