Wien musste New York werden

17. Oktober 2008, 17:00
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Es war die Zeit von Wald­heim, Heldenplatz und Musicbox - Wie der STANDARD half, die Welt besser zu verstehen - Ein Essay von Thomas Edlinger

In Wenedikt Jerofejews hochkomisch verdüsterter Reise nach Petuschki findet der ständig hochprozentigen trost- und ratsuchende Held auf seinen Irrwegen durch Moskau das Zentrum der Macht einfach nicht. Der Rote Platz - wo bitte soll der sein? Das bereits 1970 verfasste Buch erschien, angeblich wegen des Insistierens auf den realsozialistischen Alkoholismus, vielleicht aber auch wegen dieser schönen Geste der Kommunismuslästerung, erst 1988 in der Sowjetunion. Im selben Jahr fand in Österreich auch der angesagte Skandal des Jahres im Burgtheater statt: Man gab Heldenplatz von Thomas Bernhard.

Ich habe 1988 den Heldenplatz nicht gefunden. Und wollte ihn auch nicht finden. Für mich und ein paar andere ähnlich Gesinnte, die damals an der Uni Wien ihre ersten Semester hinter sich hatten oder ihre Weiterbildung der Einfachheit halber gleich nur im Freifach Nachtleben in Lokalen wie "Blue Box" oder "Chelsea" erfuhren, war das alles ein ödes Scheingefecht.

Die Hybris der Jugend, der damals als hip geltende französische Theorieimport und die supergut einfahrenden Rockinitialzündungen dieser Zeit (Hüsker Dü bei den Wiener Festwochen 1987 zum Beispiel, meiner Seel') führte bei einem Vorstadt-Landei wie mir in Nullkommanix in luftige Höhen der Spekulation und zum Achselzucken über den Stand der Dinge: Dass Österreich immer noch tief im Sumpf der Vergangenheitsbewältigung steckte, wusste man doch eh schon seit der Waldheim-Wahl 1986.

Zeitalter der Simulation

Also hörte man lieber die Musicbox, versuchte sich an einer Hermeneutik der Hieroglyphen in der Spex, trug schwarze Lederjacken vom Flohmarkt und freute sich über jeden neuen, authentisch entstandenen Riss in den Jeans. Ich ging auf sich als durchaus "experimentell" herausstellende De-Sade-Vorlesungen des hochelegant Kette rauchenden, nach 2000 als Wendephilosoph geltenden Rudolf Burger, in denen sich Paare nackt auszogen und dabei ihre Hausarbeiten vor dem Professor rezitierten. (Wahrscheinlich war der heutige Presse-Chefdenker Michael Fleischhacker damals auch zugegen und schaute sich das eisige Denken gegen den Wind ab.) Statt Peymanns aufgeplustertem Engagement war das biergeschwängerte Geraune von der Implosion des Sinns und dem Zeitalter der Simulation angesagt, angesichts des sozialpartnerschaftlichen Weiterwurstelns hielt man es lieber mit Lyotard und dem Ende der großen Erzählungen und statt Erwin Ringels Schau in die österreichische Seele lockten die Schizo-Abenteuer des Anti-Ödipus von Deleuze. Verstanden wurde wenig, geraucht wurde viel. Trotzdem blieben die meisten zumindest einige Zeit dabei.

Im Sommer war Wien vor allem Schwechat, sprich, der Flughafen mit Anbindung an New York. Alle wollten damals nach New York, jeder erzählte begeistert von den besten Konzerten, echten Überfällen und den ersten Anrufbeantwortern. Sehr beliebt war die unverkitschte soziale Härte. So erfuhr man schon vor der ersten Reise mit wohligem Schauer von den Heimkehrern, dass in New York die Obdachlosen auf der Fifth Avenue liegen und die komplett Durchgeknallten mitten in der Lower East Side am helllichten Tag im Gully verschwinden. Schrecklich natürlich, aber auch irgendwie geil. Und hatte man so etwas schon mal in Wien gesehen?

Hatte man nicht, und aus heutiger Sicht muss ich sagen: zum Glück. Aber damals, in den Ausläufern eines postpubertären Lebensgefühls und noch knapp vor der rasanten Internationalisierung und Aufhellung Wiens in den 1990ern, sehnte man sich nach solchen Expeditionen in subkulturelle Epizentren des Westens. Nach den Ferien ging man zurück in die WG oder ins Hotel Mama. Das war genauso leistbar wie das Krügerl im "Nachtasyl", und studieren konnte man ja auch zur Not. Später würde schon irgendwas kommen, auch wenn schon damals die Hörsäle voll waren und die Professoren die Massen mit düsteren Zukunftsprognosen abschrecken wollten.

Tag der "Heldenplatz"-Premiere

An den 4. November, den Tag der Heldenplatz-Premiere, kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an die Stimmung rund um den Tag: rotgesichtige Entrüstung über die schelmische Erregung des "Nestbeschmutzers", der die österreichische Geschichtslüge vom ersten Opfer einmal mehr zur Debatte stellte. Die einen luden Misthaufen vor den heiligen Hallen ab, die anderen priesen die durch die moralische Anstalt Theater befeuerte Vergangenheitsaufarbeitung inmitten der bleiernen Zeit der Waldheim-Präsidentschaft.

Ausgerechnet Thomas Bernhard, der Schalk mit der ÖVP-Mitgliedschaft als Staatsfeind Nummer 1 am Cover der Krone - irgendwie schien mir das alles wie eine unabsichtliche Posse über den Zustand der Republik und auch den Zustand der Medien. Fast schien es, als könnte man 1988 noch einmal kurz 1968 nachspielen.

Schon damals gab man im Hörsaal 1 den Aufruhr als Theater, gebärdete sich aktionistisch-(anti)-katholisch anstatt theoretisch-protestantisch, wie bei den Marx-Strebern in Frankfurt, die sich eher um eine Politisierung der Öffentlichkeit als um die Kunst der Provokation sorgten.

Im Jahr 1988 aber gab es hierzulande immerhin schon eine subventionierte Provokationsauftragskultur, die sich bemüßigt fühlte, den nach wie vor unterentwickelten öffentlichen politischen Diskurs im Feld der Kunst in Form einer Ja-/Nein-Erpressung zu ersetzen. Für Peymann hieß okay und links sein, gegen Peymann waren die Nazis und die Erzkatholen.

Artikulation von Differenz und Antagonismen

In diese Lücke einer Politisierung, die als Artikulation von Differenz und Antagonismen verstanden werden muss, konnte dann auch eine Zeitung wie DER STANDARD vorstoßen. Endlich gab es, abseits des damals noch deutlicher als Stadtzeitung mit alternativem Hintergrund erkennbaren Falter und der politisch verknöcherten Presse, eine Tageszeitung, die vieles ernst nahm, was mir wichtig war und was man brauchte, um die Welt zu verstehen.

Und schließlich, hieß es, kam ja auch der Gründer gerade zurück aus New York. Er hatte zwar meines Wissens keine schwarze Lederjacke an, aber er hatte angeblich die New York Times gelesen und forderte, was wir damals alle irgendwie wollten: Wien muss New York werden. (Thomas Edlinger, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • Baba und foi ned und kumm guad z'Haus: Der in Österreich stets polarisierende Burgtheater-Chef Claus Peymann auf seinem Abschiedsfest am 1. August 1999 im Wiener Volkgarten. Foto von Andy Urban.
    foto: standard/urban

    Baba und foi ned und kumm guad z'Haus: Der in Österreich stets polarisierende Burgtheater-Chef Claus Peymann auf seinem Abschiedsfest am 1. August 1999 im Wiener Volkgarten. Foto von Andy Urban.

  • Thomas Edlinger
    foto: standard

    Thomas Edlinger

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