Die Literatur-Journalismus-Osmose

17. Oktober 2008, 17:00
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Literatur und Journalismus sind Geschwister. Sie haben dieselben Gene. Aber sie haben vollkommen unterschiedliche Biografien. Was sie verbindet, trennt sie gelegentlich. Zum Beispiel das Streben nach Aufmerksamkeit.

Doch während Journalismus eine Dienstleistung ist, mit der man den Bürgern die Informationen liefert, die eine funktionierende Demokratie erst ermöglichen (so die Theorie vom oft im Munde geführten, aber selten erklärten Qualitätsjournalismus laut Pulitzer-Preisträger Russell Baker), gedeiht die Literatur auf dem Humus des individuellen Willens, sich auszudrücken, der Kunst. Die zahlreichen Grenzgänger und Erforscher etwaiger Schnittmengen lassen wir zunächst beiseite. Mit der Ausgabe vom 6. Oktober 2007 hat der STANDARD die zwei Welten zusammengeführt und das Feld der Auseinander- und Zusammensetzung von Literatur und Journalismus in einer in der österreichischen Medienlandschaft neuartigen Weise aufgerollt. Natürlich gab es auch davor Essays und Kommentare von Literaten. Aber das Medium in diesem Umfang umzuwidmen war neu. Für die Leser, die Journalisten und die Schriftsteller.

Robert Menasse etwa, gewohnt und geübt den großen Bogen zu spannen, ließ sich auf das textliche Miniaturformat des sogenannten Einserkastls (Kolumne auf der Titelseite) ein. Franz Schuh stieg mitten ins tagespolitische Schreibgeschäft ein und interviewte den Wiener Bürgermeister. Kathrin Röggla untersuchte auf den Wirtschaftsseiten die Wechselwirkungen zwischen Prozessen der Ökonomie und der Sprache. Arno Geiger näherte sich in Form einer Reportage seinem Heimatort. Der ohnehin mit allen Medien-wassern gewaschene Wolf Haas suchte die Auseinandersetzung mit Bildungsmoderator Armin Assinger.

Zu guter Letzt drehte der STANDARD das Kommentarhafte an der Seite "Kommentar der anderen" ins Extrem. Die Seite, normalerweise reserviert für politisch und gesellschaftlich Diskursives, wurde ausschließlich mit Lyrik bestückt. Womit auch einem Wunsch des Theatermachers George Tabori, nach dem jede parlamentarische Sitzung mit der Verlesung eines Gedichts beginnen möge, um osmotische Prozesse zwischen den Welten der Kunst und der Politik zu befördern, auf andere Weise entsprochen wurde. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • STANDARD-Ausgabe vom 6./7. Oktober 2007
    foto: der standard

    STANDARD-Ausgabe vom 6./7. Oktober 2007

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