Diesmal verspekulierten sich die USA

17. Oktober 2008, 17:00
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"Religionsfreiheit" wollten die USA im Irak herstellen, sagte der damalige amerikanische Botschafter in Österreich vor der US-geführten Invasion der "Koalition der Willigen" in einem Interview mit dem STANDARD. Vergangene Woche, fünfeinhalb Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins, machte die Vertreibung der Christen aus der nordirakischen Stadt Mossul Schlagzeilen. Dabei ist der Irak heute schon aus dem Ärgsten heraus.

Beim Irakkrieg 2003 hatte sich nicht nur Saddam, sondern auch die US-Regierung verspekuliert. Skeptiker - und dazu gehörten viele Schreiber im STANDARD - hatten das befürchtet. Zwar gingen die Invasion und die Einnahme Bagdads schneller vonstatten, als es US-Präsident George W. Bush - dessen Vater die USA 1991 in den Golfkrieg, aber nicht bis nach Bagdad geführt hatte - prognostizierte, aber der eigentliche Krieg begann erst, nachdem Bush am 1. Mai 2003 auf einem Kriegsschiff das Ende der großen Kampfoperationen verkündet hatte.

Die Eroberung des Irak stand unter einem falschen Stern: Ohne UNO-Mandat, mit einer fabrizierten Begründung - die Massenvernichtungswaffen, die es seit Jahren nicht mehr gab - und einer ordentlichen Portion Hybris ausgestattet, marschierten die USA ein, um den gealterten Diktator Saddam Hussein zu stürzen und den Nahen und Mittleren Osten zu verändern. Die Neocon-Vision eines Dominoeffekts, der alle undemokratischen Regime zu Fall bringen sollte, realisierte sich nicht. Die neue Ordnung sah anders aus als von der Bush-Regierung entworfen: Das wichtigste Resultat des Irakkriegs von 2003 ist der regionale Aufstieg des Iran, einer der Gründe, warum Bush senior Saddam 1991 an der Macht belassen hatte.

Die Geschichte der US-Präsenz im Irak seit 2003 ist eine der - oft unerklärlichen - Fehler. Iraker und Irakerinnen hatten in der Mehrzahl ihre Befreiung aus einer jahrzehntelangen Diktatur sehr wohl begrüßt. Viele von ihnen wurden jedoch später durch eine falsche Politik in den Aufstand getrieben, der sich 2006 in einen Bürgerkrieg zwischen konfessionellen Gruppen verwandelte. Heute ist es in den Medien eher ruhig um den Irak geworden: Ein paar hundert tote Zivilisten pro Monat laufen unter "Stabilisierung". Die Kosten, in jeder Hinsicht, für die USA sind enorm. Saddam Hussein ist nicht mehr, immerhin das ist positiv zu berichten. (Gudrun Harrer, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

 

  • STANDARD-Ausgabe vom 21. März 2003.
    foto: standard

    STANDARD-Ausgabe vom 21. März 2003.

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