Wahlsieg als Kehrtwende für die ÖVP

17. Oktober 2008, 17:00
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Sechs Jahre später ist dieses Wahlergebnis kaum noch vorstellbar: 42,3 Prozent für die ÖVP. Mehr als zwei Millionen Menschen hatten die Volkspartei gewählt. Das bedeutete bei der Wahl am 24. November 2002 ein Plus von 15,4 Prozentpunkten. Es war ein Triumph für Wolfgang Schüssel, ebenfalls einer für die ÖVP, aber ganz besonders und auch persönlich für Wolfgang Schüssel.

Zwei Jahre zuvor hatte Schüssel mit seinem Team unterirdisch zur Angelobung der Regierung antreten müssen. Die Empörung im In- wie im Ausland war groß. Schüssels Vergehen: Er hatte die Rechten in die Regierung geholt, hatte die FPÖ Jörg Haiders zu seinem Partner gemacht. Und: Schüssel wurde aus der Position des Dritten Kanzler, obwohl er vor der Wahl angekündigt hatte, als Dritter in Opposition zu gehen.

Demonstrationen, die Sanktionen der EU, ein Weisenbericht. Und dann das: 42,3 Prozent. Die FPÖ vernichtet: Von 27 auf zehn Prozent abgestürzt. Und die SPÖ mit 36,5 Prozent deutlich abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Triumph ist für diesen Wahlerfolg das richtige Wort.

Die Wende schien geglückt zu sein. Und die Kommentatoren konnten sich der Frage hingeben, ob es Schüssel tatsächlich gelungen war, Jörg Haider zu bändigen.

Aber die Euphorie des Wahltags war rasch verflogen. Es war wieder eine Regierung zu bilden, und dieses Unterfangen stellte sich weitaus spröder dar, als man das aus der Position des Siegers, der unter potenziellen Partnern nur auszuwählen bräuchte, hätte annehmen können. Aber immerhin, da war noch die Sache mit den Grünen.

Alexander Van der Bellen und Eva Glawischnig traten bald als das sympathisch-fortschrittliche Trachtenpärchen auf, dem man gerne Regierungsgeschäfte zutraute. Aber Schüssel konnte oder wollte nicht, er bot den Grünen lediglich ein paar Gefälligkeiten an, und so scheiterte Schwarz-Grün, ehe ein spannendes Projekt hätte beginnen können.

Also wieder mit der FPÖ. Und damit setzte für die ÖVP erneut eine Wende ein: jene, die bergab führte. Schwarz-Blau hatte abgewirtschaftet, war abgegriffen, die Inkompetenz der Freiheitlichen hatte abgefärbt. Das gesamte Regierungsprojekt mit seinem ausgeprägten Postenschacher war schlicht unsympathisch geworden. Für die ÖVP hieß das in Folge: Wahlniederlagen und Platz zwei. (Michael Völker, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

 

  • STANDARD-Ausgabe vom 25. November 2002.
    foto: standard

    STANDARD-Ausgabe vom 25. November 2002.

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