Sanktionen und Schulterschluss

17. Oktober 2008, 17:00
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Nationaler Schulterschluss: Für eine liberale Tageszeitung ist dies ein bedrohlicher Begriff. Sobald die Regierung verkündet, nun müssten sich alle Kräfte um sie scharen, weil das Land aus dem Ausland bedroht werde, stehen unabhängige Journalisten vor einer besonderen Herausforderung.

Eine solche Situation trat ein, als 14 EU-Regierungen am 31. Jänner 2000 erklärten, sie würden die Beziehungen mit der Wiener Regierung einfrieren, sollte VP-Chef Wolfgang Schüssel eine Koalition mit Jörg Haiders FPÖ eingehen. Vier Tage später wur- de Schwarz-Blau angelobt, die EU-Partner machten wohl oder übel ihre Drohung wahr.

der Standard hatte aus seiner kritischen Haltung zur FPÖ nie ein Hehl gemacht und stand der Regierung mit Skepsis gegenüber. Aber auch die Problematik der EU-Maßnahmen, von Regierung und Boulevard kurzerhand zu "Sanktionen" umgetauft, kam in Berichten und Kommentaren nicht zu kurz.

Dennoch blies der Zeitung ein kalter Wind ins Gesicht. So wie die Opposition, der Bundespräsident und einige andere Medien wurde der Standard als unpatriotisch oder gar verräterisch beschimpft. Seit der Waldheim-Affäre hatte das Land eine solche provinzielle Bunkerstimmung nicht mehr erlebt.

Mancher Leser verzieh dem Standard lange Zeit nicht, dass er in der Auseinandersetzung der Regierung mit dem Rest der Welt nicht Partei bezog, sondern objektiv berichtete und inländischen Kritikern von Schüssel und Haider breiten Raum bot. Schließlich ging es uns auch darum, die Beweggründe der EU-Partner zu erklären, die demokratische Werte in einem Mitgliedsland erstmals zum europäischen Projekt erklärt hatten.

Journalistisch waren die sieben Monate der Sanktionen eine besonders spannende Zeit, und sie erwiesen sich auch als Glücksfall für die schwarz-blaue Regierung. Während Schüssels Mannschaft in der EU geschnitten wurde, konnte sie sich zu Hause konsolidieren. Haider überließ Susanne Riess-Passer nach dem Vizekanzlerposten auch die Parteispitze. Gemeinsam mit Karl-Heinz Grasser meisterte sie die stromlinienförmige Ideologielosigkeit.

Als der Weisenbericht im September den EU-Bann brach, hatte sich die Skandalkoalition zu einer normalen Regierung gewandelt, die nun ohne Schulterschluss auskommen musste. Sie schaffte dies keine drei Jahre lang. (Eric Frey, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • STANDARD-Ausgabe vom 5. Februar 2000.
    foto: der standard

    STANDARD-Ausgabe vom 5. Februar 2000.

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