Der Mauerfall als historische Wende

17. Oktober 2008, 17:00
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Ein Jahr nach der Gründung des STANDARD die große historische Wende: Warum jedoch am 9. November 1989 die Grenze in Berlin buchstäblich für alle überraschend geöffnet und damit das Ende der DDR und der Zerfall des Sowjetblocks besiegelt wurde, blieb lange unklar. Heute wissen wir: Die Öffnung beruhte in Wirklichkeit auf einem Missverständnis während und nach der Pressekonferenz des SED-Politbüromitglieds Günther Schabowski, das nicht mehr wieder rückgängig zu machen war. Der Mauerfall vor Mitternacht war also weder geplant noch von Gorbatschow oder von Honeckers Nachfolger Egon Krenz beschlossen. Die Korrespondentenberichte vor Ort und die TV-Bilder bestätigen das auch rückwirkend. Es passierte eben.

Die deutsche Teilung war ein Symbol und zugleich auch der wichtigste Antriebsfaktor des Kalten Krieges und der Konfrontation der Nuklearmächte gewesen. Der Zusammenbruch der DDR und ihr Beitritt zur Bundesrepublik 1990 bildeten den Auftakt zu jener Kettenreaktion, die Ende 1991 zur unblutigen Auflösung der Sowjetunion führte. Wer könnte diese dramatischen Tage und die Schlüsselrolle Gorbatschows vergessen, der sich dann im Gefolge des Mauerfalles immer mehr als der Getriebene entpuppte.

Die DDR als weithin sichtbare Festung der stalinistischen Expansion im Herzen Europas war deshalb auch die Schwachstelle des hochgerüsteten Sowjetimperiums, weil ihr die nationale Basis fehlte. Nirgends sonst hat sich ein ehemaliger Ostblockstaat einem Mitgliedstaat des westlichen Bündnissystems angeschlossen. So ungefährlich, so selbstverständlich, wie es vielen Angehörigen der jungen Generation möglicherweise erscheint, war das gerade nicht. Ich erinnere mich an ein "Europastudio" in Berlin mit Willy Brandt, der den Westen bei der Druckausübung auf einen offensichtlich bedrohten Gorbatschow zur Vorsicht mahnte.

Damals wusste man freilich noch nicht, dass so viele der bei TV-Diskussionen und Interviews immer wieder auftretenden DDR-Reformer und Politiker der "ersten Stunde" in Wirklichkeit langjährige Agenten der Stasi waren. Der oscarprämierte Film "Das Leben der Anderen" (2006) hilft auch einer späteren Generation (und nicht nur in Deutschland!), das Labyrinth des Lebens und des Stasi-Systems in der DDR vor dem Mauerfall kennenzulernen. (Paul Lendvai, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • STANDARD-Ausgabe vom 12. September 1989
    foto: der standard

    STANDARD-Ausgabe vom 12. September 1989

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