So, als wäre er schon immer da gewesen

17. Oktober 2008, 17:00
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Diese Zeitung sollte so aussehen, als wäre sie schon immer da gewesen. Wie ein Kompliment an die österreichische Mentalität. Inhaltlich freilich sollte sie von Anfang an sein, was sie heute noch ist: unberechenbar und unkonventionell, trotzig und schräg. Ein Künstler, dem es nicht schwerfiel, trotzdem zwischen Bericht und Kommentar zu trennen.

Ende Juni 1988 startete die Probephase des "Wirtschaftsblatt" wie es damals hieß. Lachsrosa. Die Testpersonen der Nullnummern verlangten alsbald eine Vollzeitung, so neugierig waren sie auf ein komplett neues Zeitungsprodukt. "Delphin" war eine der ersten Überlegungen für den Titel. "Bilanz" und "Republik" folgten. "Der Standard", ein traditionsreicher Zeitungsname britischen Ursprungs, gewann das letzte Stechen - obwohl er in internen Rankings eher abgeschlagen rangierte.

Die erste Seite des STANDARD hatte mehrere Jahre eine besondere Ambition: als Auslage zu dienen, als Plateau für das Blattinnere, um beim schnellen Frühstück oder in der U-Bahn das Wichtigste konsumieren zu können. Wie vieles andere wurde auch das von der Konkurrenz kopiert und an anderer Stelle platziert.

Natürlich erschien die erste Nummer noch in Schwarz-Weiß, und einen elektronischen Ganzseitenumbruch gab es nicht - aber immerhin auf Fotopapier präzise reproduzierte Artikel und Bilder, die händisch zu einer Seite gefügt wurden. Die fertig montierten Seiten wurden damals noch mit dem Auto zur Druckerei gebracht. Heute geschieht das längst elektronisch über Standleitungen.

Diese erste Nummer zeigt auch einen Bruch mit der Tradition, der dem Wollen entsprach, dieses Land stärker der Welt auszusetzen. Internationale Politik rangierte vor der Innenpolitik, internationale neben heimischer Wirtschaft und mehrere Seiten Kursgeschehen waren eine Antwort auf den neuen Börsenplatz Wien und auf die beginnende Intensivglobalisierung.

Dem entsprachen auch eine Op-Ed Page unter dem Titel "Kommentar der anderen", die - mittlerweile oft nachgeahmt - die Streitkultur medial forcieren sollte.

Heute fast undenkbar: das improvisierte Entstehen des STANDARD. Keine Pläne aus der Schublade, etliche plötzliche Eingebungen. Keine Markterhebungen wie bei den politischen Parteien damals schon üblich. Eher das Wissen um die Zielgruppen der Zukunft: Unternehmerische Menschen, kritische Bildungsbewusste, Forscher an den Universitäten, in den Kliniken, Kunstateliers, im Theater. Gestalter der Wirtschaft, der Architektur, der Werbung. Und viele andere.

Die tägliche Arbeit an dieser neuen Zeitung kannte keine Zeitgrenzen und keine journalistischen Tabus. Leidenschaft und Gestaltungsfreude dominierten die Kalküle des Realen. An der Adresse Am Gestade entstanden die ersten Ausgaben - bis es dort zu eng wurde und die Zeitung mehr ins Zentrum rückte, an den Michaelerplatz, über einem Café. Einige Häuser weiter sitzt sie heute, in einem früheren Hotel. So als wäre sie immer dort gewesen. Wie der Lachs beim Sprung gegen den Strom. (Gerfried Sperl, DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.10.2008)

  • STANDARD-Ausgabe vom 19. Oktober 1988
    foto: der standard

    STANDARD-Ausgabe vom 19. Oktober 1988

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