Nennt mich Messias

10. Oktober 2008, 17:00
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Fabio Novembre gilt vielen als der Nachfolger der großen italienischen Designer - Eine Annäherung an seinen Farben- und Formenrausch

Er muss ein Spinner sein. Warum sonst würde Architekt und Designer Fabio Novembre Dinge sagen wie "Sei dein eigener Messias!" Warum sonst lautet sein Lebenslauf: "Seit 1966 antworte ich denen, die mich Fabio Novembre rufen. Seit 1992 reagiere ich auf die, die mich 'Architekt' nennen. Ich habe Räume in das Vakuum geschnitten, indem ich mich nie vor Wichtigkeit aufblase. Meine Lungen sind erfüllt vom Duft der Orte, an denen ich atmete, und wenn ich hyperventiliere, dann nur, um eine Weile im Zustand der Apnoe zu sein. Als ob ich ein Samenkorn wäre, so lasse ich mich vom Wind treiben, überzeugt von meiner Fähigkeit, alles um mich herum verführen zu können. Ich möchte atmen, bis ich ersticke. Ich möchte lieben, bis ich sterbe."

Genug, das ist ja kein Bewerbungsschreiben. Eher stellt sich hier die Frage, wie ein solch schräger Vogel den ramponierten Wagen des italienischen Designs wieder flottkriegen will. Genau das trauen ihm nämlich große Persönlichkeiten der Designszene zu.

Byzanz und Blade Runner

Giulio Cappellini zum Beispiel: "Es scheint, als würde Novembre in einer Märchenwelt leben, in der wir alle gern Zuflucht fänden." Andere bezeichnen Novembre als modernen Barockstar, manche als das größte Talent seit Phi- lippe Starck, und Design-Chefauskennerin und MoMa-Kuratorin Paola Antonelli sagt: "Design ist einer der vielen cleveren Wege, wie Italiener ein Bild von sorgenfreier, schicker und gewinnender Kreativität exportieren. Und Novembre lässt all die Stereotypen meiner Landsleute, auf die ich stolz bin, wiedererstarken. Indem er Materialien mischt, neue i i und alte, indem er an Interieurs modeliert, deren Stil zwischen Byzantinischem und Blade Runner liegt."

Und was meint Novembre, dessen Kundenliste sich liest wie die Inserentenauflistung internationaler Lifestylegazetten, der Produkte vom Kleiderbügel bis zum Silbertablett gestaltet, Showrooms, Geschäfte und Lokale auf der ganzen Welt einrichtet? Sieht er sich als Nachfolger von Castiglioni, Sottsass und wie die Pioniere des italienischen Designs alle heißen? Novembre diplomatisch: "Isaac Newton schrieb 1676: ,Wenn ich weiter als andere gesehen habe, dann deshalb, weil ich auf der Schulter von Riesen stand.' Die Personen, die Sie nannten, sind meine persönlichen Riesen, ich habe eine Menge von ihnen kennengelernt. Ich hoffe, ich kann für künftige Generationen auch jemand sein, auf dessen Schultern man klettert."

Konfuses System

Dass Novembre längst Schultern hat, auf die so mancher Nachwuchsentwerfer liebend gern kraxeln würde, ist keine Frage mehr, eher schon, was er von dem ganzen Starrummel hält, der heutzutage um Objektdesigner wie ihn gemacht wird. "Ich glaube, dieses ganze Starsystem ist etwas konfus. Ich halte es eher mit Andy Warhol's Sager vom Berühmtsein für 15 Minuten. Ich versuche zu vermeiden, unter den Scheinwerfern verbrannt zu werden. Treffen wir uns also in ein paar Jahren wieder." Bildreiche Antworten liefert Novembre auf so ziemlich jede Frage.

Auch die nach einer Definition seiner Arbeit, die polarisiert wie kaum eine andere im italienischen Design, beantwortet der Selbstdarsteller, der auf Fotomontagen mit Hemingway und Castro, als Jesus oder auch pudelnackig zu sehen ist, mit einem einstudiert scheinenden Sager: "Definitionen sind wie unscharfe Bilder, man sieht kaum eine Kontur, und am Ende gibt es sie gar nicht. Ich mag eigentlich nur vorschlagen, die Show zu genießen."

"Lehre auch mich die Freiheit der Schwalben"

Die Show geht ab für Novembre, dessen Arbeit auch gern als neo-postmodern bezeichnet wird. Die Stadt Mailand widmete dem in Süditalien geborenen Novembre vergangenen Frühling eine Retrospektive unter dem Titel "Lehre auch mich die Freiheit der Schwalben" und sein Sessel "Her and Him" vermochte es wie kein anderes Objekt auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse, Menschentrauben um sich zu versammeln. Das Objekt lehnt sich formal am Panton-Chair an, seine Rückenlehne sieht allerdings aus wie der Abguss eines knieenden, weiblichen Rückenaktes, von den Zehen über den Hintern bis zur Schulter.

Die Reaktionen des Publikums fielen wie bei so vielen Arbeiten des Italieners aus: Sie reichten von Kopfschütteln und Vogelzeigen bis hin zu extrabreiten Grinsern und schüchternem Tätscheln. Könnte es sein, dass dieser Novembre, dessen Design so gar nicht in die braven Kollektionen großer italienischer Möbelhersteller passen, auch Provokation als Werkstoff in seine Arbeit einfließen lässt? "Menschen zum Denken oder Fühlen zu bewegen ist niemals eine Provokation. Mein Ziel ist es zu stimulieren, nicht zu provozieren. Ich kokettiere viel lieber mit Begriffen wie Verführung oder Verlockung", sagt Novembre.

Sein Liegemöbel "Divina" ist eine Chaiselongue, die an eine klassische Liege aus der Feder eines Mies van der Rohe erinnert, doch wäre der kaum auf die Idee gekommen, der Rückenlehne das Aussehen einer von einem Bildhauerstudenten aus Knetmasse geformten Frau zu geben. Als Inspirationsquelle nennt Novembre klassische Motive der Kunstgeschichte, die Frauen, gleich göttlichen Wesen, auf Sofas oder Betten zeigen.

Für eine Serie an Tabletts namens "100 Piazze", die er für Driade entwarf, nahm er die Grundrisse bekannter italienischer Plätze zum Vorbild und schuf Tabletts aus versilbertem Messing, an deren Rändern die Häuserfassaden der jeweiligen Piazza einige Zentimeter emporragen. Der Physik will er in Form seines Tisches namens "Org" (für Cappellini) zumindest optisch ein Schnippchen schlagen. Wie Schiffstaue scheinen unzählige, an der Unterseite einer Glasplatte angebrachte rot Seile von der Tischplatte zu baumeln. In Wirklichkeit ummanteln die Seile eine Verstärkung aus Stahl. Zusatzschmäh: Manche Taue hängen wirklich von der Platte.

Lebende Mischmaschine

Der Eindruck täuscht nicht: Novembres Arbeit ist ein Farben- und Formenrausch, etwas, das in den Sechzigern begann, etwas, das später die Memphisgruppe manifestierte, und etwas, das der Designer dank all der heute verfügbaren Materialien und Technologien über alte Grenzen hinausträgt. Novembre karrt zusammen, was ihm gefällt, ist eine lebende Mischmaschine und quirlt Stile, Ideen und Materialien so lange, bis er das Material für ein neues Objekt zwischen den Fingern hält. Bleibt zum Schluss noch die Frage nach der Sache mit dem Lebenslauf, Signor Novembre? "Ich war immer der Meinung, dass der Versuch, beim Schreiben eines Lebenslaufes sein Leben in wenigen Zeilen zusammenzufassen, eine ziemlich schwierige Aufgabe ist. Und ich kann sowieso nicht die Art, wie ich wahrgenommen werde, beeinflussen." Darüber hat offensichtlich auch ein Messias keine Macht. (Der Standard/Michael Hausenblas/rondo/10/10/2008)

  • Als wäre Design ein Kuchenrezept, mixt Architekt und Designer Fabio Novembre Stile, Farben und Formen. Heraus kommen dabei baumelnde Tischbeine und Liegen mit einer Art Knetfigur, die zum Anlehnen einlädt.
Fabio Novembre auf "S.O.S."
    foto: hersteller

    Als wäre Design ein Kuchenrezept, mixt Architekt und Designer Fabio Novembre Stile, Farben und Formen. Heraus kommen dabei baumelnde Tischbeine und Liegen mit einer Art Knetfigur, die zum Anlehnen einlädt.

    Fabio Novembre auf "S.O.S."

  • Tisch "Org"
    foto: hersteller

    Tisch "Org"

  • Liege "Divina"
    foto: hersteller

    Liege "Divina"

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