Bitte nicht strahlen: Zu Besuch bei Handygegnern

9. Oktober 2008, 14:15
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Elektrosensible reagieren extrem auf Mobilfunk­strahlen und weichen in die letzten Funklöcher aus - Zu Besuch bei drei Betroffenen

Die letzten Häuser von Oberammergau bleiben zurück. Wiesen, Wald. Der Handyempfang wird schwächer. Es ist der Weg ins Glück von Suzanne Sohmer. Acht Kilometer lang ist es und drei Kilometer breit. Durch ihr Glück im Oberbayerischen fließt ein Bach, Kühe und Pferde teilen es mit ihr. Keine Menschen. Das ist wichtig. Denn die tragen mit statistisch fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Sohmers Feind bei sich: das Handy. Sie gehört zur Gruppe der Elektrosensiblen.

Der Blutdruck schießt auf 200 zu 110

Kommt jemand mit einem eingeschalteten Handy Suzanne Sohmer zu nahe, wird es kritisch. Dann wird ihr schwindlig, der Blutdruck schießt auf 200 zu 110, sie sieht alles wie volltrunken, und in den Ohren rauscht es, als stünde sie neben den Niagarafällen. "Glücklicherweise habe ich hier einen kleinen Ort gefunden, an dem ich immer ganz allein bin", sagt sie. Seit mehr als zwei Jahren lebt Sohmer (49) im Nichts, das für sie alles ist. In einem Wohnmobil, mit dem sie früher Ausflüge in die Welt außerhalb der Funklöcher unternommen hat. Im Mai dieses Jahres kam sie hierher, zuvor war sie schon an zwei anderen Plätzen - die dann verseucht worden seien, sagt Sohmer.

Einer internen Studie des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) zufolge sind in Deutschland mittlerweile etwa 25.000 Elektrosensible wie Sohmer unterwegs quer durch die Republik. Für Österreich existieren keine verlässlichen Zahlen, Experten gehen aber davon aus, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung als elektrosensibel gelten. Allerdings fallen darunter alle Menschen, die mit Symptomen auf Handystrahlung reagieren - und nicht nur in solch auffälliger Form wie bei Suzanne Sohmer. Dies seien Extremfälle, die sich wohl im Bereich weniger Tausend abspielten, wenn auch mit stark steigender Tendenz.

Auf der Flucht vor dem technischen Fortschritt ist Sohmer einer der Hunderten Bürgerinitiativen in Deutschland beigetreten, die sich dem Kampf gegen den sogenannten Elektrosmog verschrieben haben. Jene in Oberammergau ist eine der bekanntesten.

Der unsichtbare Feind

Man traut dem oberbayerischen Städtchen eigentlich nicht zu, dass sich dort die Stimme der deutschen Mobilfunkgegner befindet. Idyllisch liegt es im Süden Bayerns, eingebettet in die Voralpen. Die Leiden der Opfer von Mobilfunkstrahlung sind nicht offensichtlich, sagt man bei der Bürgerinitiative "Strahlenfreier Ammergau", die Werner Funk in Oberammergau gegründet hat. Er ist Suzanne Sohmers ehemaliger Arbeitskollege, beide arbeiteten bis vor vier Jahren noch zusammen beim Wetterdienst.

"Man riecht nichts von der Strahlung und schmeckt auch nichts", sagt Funk, weil es eben kein Sinnesorgan für Strahlung gebe. Trotzdem ist er sich sicher, dass die Symptome der Betroffenen auf die Handystrahlung zurückzuführen sind. Selbst der evangelische Pfarrer von Oberammergau habe vor kurzem seinen Job an den Nagel gehängt und sei in ein Funkloch geflüchtet, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Ein neuer Pfarrer ist noch immer nicht in Sicht. Funk vermutet, dass sich dieser Qual keiner freiwillig aussetzen möchte. "Die Betreiber entweihen ja sogar schon Kirchen mit so etwas Banalem wie ihren Antennen."

"Ich bin sensibler als ein Messgerät."

120 Kilometer entfernt von Oberammergau, im kleinen Zorneding bei München, sitzt Birgit Stöcker, eine blasse Frau von 63 Jahren, am Tisch ihres Reihenhauses und sagt: "Ich bin sensibler als ein Messgerät." Das steht bei der Autorin eines Buches mit dem Titel "Elektrosmog - eine reale Gefahr" trotzdem immer auf dem Tisch. Für den Besucher schaltet sie das Breitbandmessgerät Modell "Lambda Fox" ein.

Ein lautes Rauschen ist zu hören, das in ein stakkatoartiges Knacken in hoher Tonlage übergeht. "Hören Sie das?", fragt sie. "Das ist vom Handy nebenan. Da wird gerade telefoniert." Sie schaltet das Gerät ab und seufzt. Die kurzen, stetigen Impulse wirkten bei ihr wie ein Hackbeil, das in ihr Hirn schlägt. Oft würde die elektrosensible Minderheit nicht ernst genommen, sagt Stöcker, die Vorsitzende des Bundesverbandes "Elektrosmog e. V." ist. Tatsächlich gibt es bis heute keine öffentlich anerkannte Studie, die den direkten Zusammenhang zwischen der elektromagnetischen Strahlung der Handys und schweren körperlichen Beschwerden oder gar Krebs und Gehirntumoren herstellt.

Geteilte Kosten

Wobei die meisten dieser Studien von den großen Mobilfunkbetreibern ja mitfinanziert oder zumindest gesponsert würden, sagt Birgit Stöcker. Und das BfS bestätigt: "Die Kosten dafür werden immer hälftig aufgeteilt zwischen Bundesregierung und den Betreiberfirmen."

Seit 13 Jahren kämpft Stöcker ihren Kampf gegen diese Techniken. Ihre persönliche Offensive gegen das Handy und seine Strahlen ist der Rückzug: Zum Einkaufen geht sie so selten wie möglich. Ihr Reihenhaus bewohnt sie nur noch im Keller. Zu sehr dringt die Strahlung von den Nachbarn links und rechts in Wohn- und Schlafzimmer. "Ein schöner Zustand ist das nicht", sagt sie, "aber was soll ich machen?" Sie könne nur weiterkämpfen gegen neue Funkmasten und ihre Idee vorantreiben, funkfreie Reservate für jedes Bundesland durchzusetzen, um Elektrosensiblen ein menschenwürdiges Dasein zu gewähren.

Auch im Refugium von Suzanne Sohmer steht das Messgerät "Lambda Fox" immer griffbereit. Es ist so etwas wie das Erkennungszeichen der Elektrosensiblen. Viele haben sich von ihr abgewandt, seit sie dieses Leben führt, halten sie für eine Spinnerin. Und die Behörden beriefen sich sowieso nur auf ihre einschlägigen Studien, die alles widerlegen würden und Leute wie sie besser beim Psychiater aufgehoben sehen als beim Allgemeinmediziner.

Nicht ohne Anzug

Da aber wird sie nicht hingehen, sagt sie, und ihre leise Stimme wird zum ersten Mal lauter. "Das wäre ja so, wie wenn Sie ein kaputtes Auto zum Bäcker bringen wollen." Elektrosensibilität sei eine körperliche Krankheit, die viele Ärzte ignorieren würden, weil viele Ärzte bei Mobilfunkbetreibern Fortbildungskurse machen - was dasselbe wäre, als wenn Marlboro Lungenfachleute weiterbilden würde.

Wenn Suzanne Sohmer an die Außenwelt denkt, wird die leise Frau wütend. Ansonsten lebt sie hier in ihrem eigenen Reich: Tagein, tagaus ein ruhiges Leben in friedlicher Natur. Sie steht auf um acht, schreibt an ihrem Buch, sammelt Pilze, streift durch den Wald, kommuniziert auf altem, strahlungsfreiem Weg, per Brief, mit ihren Mitstreitern. Jeden unnötigen Gang in den Ort vermeidet sie. Ohne den Strahlenanzug, "an dem immerhin neunzig Prozent des Elektro- smogs abprallen", könnte sie den Weg hinein nach Oberammergau, meist zu ihrem Arzt, überhaupt nie bewältigen.

Blau

Ein riesiger blauer Overall, in dem die zierliche Frau fast verschwindet, weil der Anzug ursprünglich nicht für sie gedacht war, sondern für Techniker eines Mobilfunkunternehmens. Deren ausgemustertes Modell trägt Suzanne Sohmer. Vorn ist ein "HF-Protection" aufgestickt. HF für High Frequency. Wenn sie damit durch die Gassen von Oberammergau geht, halten sie einige für eine Imkerin - und die meisten für eine Verrückte. Aber mittlerweile hat sie sich damit arrangiert. Deswegen auch nimmt sie ein bisschen gesellschaftliches Leben mit. Alle zwei Wochen geht sie in einem Landgasthof in der Nähe essen. Im Sommer kann sie draußen sitzen, und im Winter bekommt sie einen separaten Raum. Beim Essen muss sie ihr engmaschig vergittertes Visier abnehmen, das sonst ihr Gesicht vermummt. Am liebsten isst sie Tafelspitz mit viel Kren. Und danach einen Eisbecher. Dann geht sie schnell wieder. Zurück in ihr Glück, das ein Gefängnis in herrlicher Lage ist. (Marco Lauer, DER STANDARD/Rondo)

  • Im Herzen des unsichtbaren Feindes

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