Luxus ist: Keine Fahrstuhlmusik

6. Oktober 2008, 17:00
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Die MS Europa wurde wieder zum weltbesten Kreuzfahrtschiff gekürt. Und das Festivalformat für klassische Musik auf hoher See schlägt hohe Wellen

Douglas Ward zeigte sich wieder einmal beeindruckt: "Es ist unglaublich, dass dieses Schiff bereits neun Jahre alt ist. Andere Schiffe sehen schon nach einem Jahr älter aus, aber dieses ist immer noch wie neu." Das war bei weitem noch nicht das größte Lob, das der Autor des international maßgeblichen Handbuches über Kreuzfahrten, der in Palma de Mallorca an Bord der MS Europa gekommen war, gegenüber diesem Schiff auszusprechen hatte.

Aus seiner Aktenmappe packte der Brite nämlich ein druckfrisches Exemplar des "Complete Guide to Cruising & Cruise Ships" aus, welchen er seit zwei Jahrzehnten praktisch im Alleingang verantwortet und in dem die MS Europa als Königin unter den Kreuzfahrtschiffen rangiert, seit sie über die Weltmeere fährt. Und der distinguierte Herr betonte, das Buch, wohl um seine Objektivität zu unterstreichen, niemandem von der Reederei geben zu wollen. Stattdessen drückte er es lieber Kapitän Friedrich Jan Akkermann in die Hand: "Ich gebe es dem Schiff!"

Douglas Ward stand aber auch den Journalisten, die sich auf Einladung von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten auf der zweiwöchigen Reise zwischen Hamburg und Barcelona befanden, bereitwillig Rede und Antwort. Und zwar sehr detailliert, denn das Um und Auf seiner Bewertungen liegt eben im Detail: Bei jedem Besuch eines Schiffs, von denen er in acht bis neun Monaten jährlich bis zu 70 absolviert, setzt er sich etwa in einen Rollstuhl.

So konnte er feststellen, dass es nur vier Schiffe gibt, auf denen die Rettungsboote barrierefrei erreicht werden können; die MS Europa, auf der zwei der 204 Suiten, allesamt Außenkabinen und die meisten mit einer Veranda versehen, behindertengerecht ausgestattet sind, zählt dazu.

Neben seiner Lobpreisung der exquisiten Einrichtung und der ausgesuchten Accessoires, mit denen das Schiff aufwartet, ließ Ward noch mit einer Beobachtung aufhorchen, die einem äußerst angenehmen Umstand galt: Auf der MS Europa gibt es keine Musik aus der Konserve im Lift oder in der Lobby, keine unnötige Berieselung in den Restaurants: "Wo es Musik gibt, da hat sie einen Sinn."

Auf die Frage, was ein exzellentes Kreuzfahrtschiff denn eigentlich ausmache, zögerte Ward keine Sekunde: Neben der Technik sei die Crew mit Abstand am wichtigsten. In beide muss ständig investiert werden, und um die Mitarbeiter bei Laune zu halten, tue das Unternehmen auch einiges.

Die guten Seelen an Bord

Während des Alltags an Bord ließ sich denn auch wirklich beobachten, dass die 280 Besatzungsmitglieder zwar ziemlich malochen, aber dabei offenbar recht guter Dinge sind. Nach einem Freigang, einer kleinen Party oder nachdem sich der Chor der philippinischen Matrosen mit einem Lied aus der Heimat vorgestellt hat, werden die maximal 408 Gäste gleich doppelt so herzlich angestrahlt - eben so, dass der Eindruck entstehen konnte, sie bilden tatsächlich die Seele des Schiffs.

Den Mitarbeitern des Hotel- und Restaurantbetriebes, die überwiegend aus Deutschland kommen und mit einigen Österreichern und Schweizern durchsetzt sind, winkt freilich, so Geschäftsführer Sebastian Ahrens, bei einer Verlängerung ihrer über einige Monate laufenden Verträge eine in der Branche gerngesehene Referenz.

Bis dahin liefern sie Service total. Geradezu rührend ist es anzusehen, wie individuell sie sich um ihre teilweise schon recht betagten Stammgäste kümmern und auch gegenüber den Neulingen an Bord innerhalb weniger Tage ein herzliches, um nicht zu sagen vertrautes Verhältnis entwickeln.

Die Bedienung in den von Spitzenköchen betreuten und auch mit ausgesuchten Weinen lockenden Restaurants - einschließlich eines hervorragenden Orientalen und eines gediegenen Italieners - wird während der vielgängigen Menüs auch bei Seegang ordentlich auf Trab gehalten. Ebenso flink agieren die Barkeeper der Sansibar, einem Ableger des Prominentenrestaurants auf Sylt, wo noch um Mitternacht bei berauschendem Ausblick Currywurst und Flammkuchen kredenzt werden.

Nur bei den Konzerten hat der Service einmal Pause. Während auf der MS Europa auch übers Jahr regelmäßig prominente klassische Künstler auftreten, fand heuer zum zweiten Mal ein besonders ambitioniertes Projekt statt: das "Ocean Sun Festival", das während der zwei Reisewochen meist täglich mehrere Veranstaltungen umfasste - sowohl in den Räumlichkeiten an Bord als auch an ausgesuchten Plätzen an Land. Noch im Hafen von Hamburg standen gleich drei Konzerte zur Wahl, die von einem Streichquartett der Münchener Philharmoniker, dem Starcellisten Mischa Maisky und der jungen deutschen, mit Verve aufspielenden Geigerin Alina Pogostkina bestritten wurden.

Durch die Bank hatte Atussa Haji-Aghalar, die Verantwortliche für das gesamte Kulturprogramm des Schiffs, nicht nur herausragende Stars geladen, sondern auch solche, für die die Arbeit am Schiff noch Sprungbrett sein kann; jedenfalls aber nur solche, die sich mit dem Sozialleben während der Reise als kompatibel erwiesen und ihre Kunst einmal von einer anderen, kreuzfahrttauglichen, also immer unterhaltsamen Seite zeigten: etwa die französische Sopranistin Patricia Petibon, die sich zwischen betörenden ernsten Gesängen abwechselnd in einen Hund, einen Frosch und in einen Piraten verwandelte, oder den deutsch-kanadischen Tenor Michael Schade, der sich ebenso gut als charmanter Moderator bewährte.

Leidenschaftlich bewegt

Bei einem der Konzerte an Land im Castello von El Puerto de Santa María sorgte er indessen mit Schuberts Zyklus Die schöne Müllerin für einen eindringlichen künstlerischen Höhepunkt - gemeinsam mit dem Pianisten Justus Zeyen, der auch die ungarische Sopranistin Andrea Rost auf mäßig bewegter See mit einem leidenschaftlich bewegten Lieder- und Arienprogramm begleitetete. Und der 21-jährige russische Pianist Igor Levit schaffte es zwischen Lissabon und Cádiz mit einer atemberaubenden Interpretation von Beethovens Diabelli-Variationen, dass die innere Bewegtheit des Publikums jene der Dünung bei weitem übertraf.

Einzig das Orquestra Clásica de Balears fiel im schön renovierten Tetro Principal von Palma etwas aus dem professionellen Rahmen und zwang zu einer improvisierten Programmänderung, was aber angesichts der organisatorischen Perfektion und Flexibilität, die Crew und Musiker in jeder Lage an den Tag legten, freilich auch kein echtes Problem war.

Wie zeigt sich da die Dankbarkeit der Gäste? Nicht zuletzt durch eine besonders angenehme Form von Respekt vor den Künstlern, die ihrerseits in der Freizeit niemals Scheu zu haben brauchten, sich mit den lieben Kindern oder gar im Badedress und im Fitnesscenter zu zeigen. Denn selbst der Spa-Bereich ist auf der MS Europa, auf der man generell ohne feste Kleiderordnung auskommt, von ungezwungen-stilvoller Diskretion geprägt. Wie die überwiegende Mehrheit des Publikums gibt sich das ganze Schiff vornehm zurückhaltend und unprätentiös. Das ist schon für sich der größte Luxus. (Daniel Ender/DER STANDARD/Printausgabe/4./5.10.2008)

  • Diese Lady gibt sich nicht nur nobel, sie ist es auch in der Wahrnehmung des strengsten Kriterienkataloges der Branche: Zum neunten Mal in Folge - das heißt, seit es sie gibt - konnte die MS Europa im Complete Guide to Cruising & Cruise Ships (Berlitz Publishing, Oktober 2008) von Douglas Ward den unangefochtenen Spitzenplatz unter den Kreuzfahrtschiffen behaupten. Während nur 13 von über 270 getesteten Schiffen "5 Sterne" zugesprochen bekamen, erreichte die MS Europa heuer einen Bestwert von 1852 aus 2000 möglichen Punkten und wurde damit, wie in jedem Jahr, seit sie 1999 zur Jungfernfahrt aufbrach, mit dem Prädikat "5 Sterne plus" ausgezeichnet.
Hapag Lloyd Kreuzfahrten
    foto: hapag lloyd kreuzfahrten

    Diese Lady gibt sich nicht nur nobel, sie ist es auch in der Wahrnehmung des strengsten Kriterienkataloges der Branche: Zum neunten Mal in Folge - das heißt, seit es sie gibt - konnte die MS Europa im Complete Guide to Cruising & Cruise Ships (Berlitz Publishing, Oktober 2008) von Douglas Ward den unangefochtenen Spitzenplatz unter den Kreuzfahrtschiffen behaupten. Während nur 13 von über 270 getesteten Schiffen "5 Sterne" zugesprochen bekamen, erreichte die MS Europa heuer einen Bestwert von 1852 aus 2000 möglichen Punkten und wurde damit, wie in jedem Jahr, seit sie 1999 zur Jungfernfahrt aufbrach, mit dem Prädikat "5 Sterne plus" ausgezeichnet.

    Hapag Lloyd Kreuzfahrten

  • Wem Ausstattung und Service noch nicht als hinlänglicher Grund für eine Buchung erscheinen, den sollen Themenschwerpunkte an Bord bringen: von "Genussreisen", Symposien und "Selbstfindungs-Workshops" bis hin zu künstlerischen Specials, die das Programm durchziehen. Stars aus dem Musikleben sind regelmäßig zu Gast; Musikreisen im Dezember und Jänner führen etwa von Kapstadt nach Buenos Aires und von dort nach Valparaiso. Darüber hinaus tut sich Hapag-Lloyd auch als Kooperationspartner des Musikbetriebs hervor: So hat die Reederei eine CD der Sängerin Patricia Petibon gesponsert, die bereits an Bord präsentiert wurde und im Herbst bei Deutsche Grammophon herauskommt.
www.klassikakzente.de
    foto: hapag lloyd kreuzfahrten

    Wem Ausstattung und Service noch nicht als hinlänglicher Grund für eine Buchung erscheinen, den sollen Themenschwerpunkte an Bord bringen: von "Genussreisen", Symposien und "Selbstfindungs-Workshops" bis hin zu künstlerischen Specials, die das Programm durchziehen. Stars aus dem Musikleben sind regelmäßig zu Gast; Musikreisen im Dezember und Jänner führen etwa von Kapstadt nach Buenos Aires und von dort nach Valparaiso. Darüber hinaus tut sich Hapag-Lloyd auch als Kooperationspartner des Musikbetriebs hervor: So hat die Reederei eine CD der Sängerin Patricia Petibon gesponsert, die bereits an Bord präsentiert wurde und im Herbst bei Deutsche Grammophon herauskommt.

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