O Oleander

5. Oktober 2008, 12:00
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Soll ein Schneiden sein oder soll kein Schneiden sein? Das ist hier die quälende Frage des Herbstes - Sie wird sogleich beantwortet von Ute Woltron

Aus diversen unergründlichen Statistiken, derer sich Gartenmagazine gerne bedienen, um ihre wissenschaftliche Fundiertheit einmal mehr in das Bewusstsein der ergebenen Leserschaft zu pflanzen, geht hervor, dass der Oleander die beliebteste Topfgartenpflanze mitteleuropäischer Terrassen- und Balkonbesitzer ist. Wir nehmen diese Botschaft gläubig hin.

Doch die weitaus brennendere Frage kommt jetzt: Was tun diese mitteleuropäischen Terrassen- und Balkonbesitzer am Ende eines langen Sommers, im Laufe welchselbigen diese Oleander zu derart gewaltigen Büschen heranwuchsen, dass unter ihrem geräumigen Schatten spätestens ab Altweibersommer Familienpicknicks abgehalten werden könnten?

Noch ist Zeit, die Entscheidung zu wälzen, noch darf gründlich überlegt werden. Denn der Oleander ist bis minus fünf Grad im Freien bestens aufgehoben, ja er will sogar so lange draußen bleiben. Erst wenn es kälter wird, muss er hinein. Am besten an einen kühlen Ort, wo er den Winter über in eine Art botanischen Schlaf sinkt, denn: "Schlafen! Vielleicht auch träumen. Ja, da liegt's."

Damit er wieder aufwacht, der Gute, muss er doch hin und wieder ein wenig gegossen werden. Keinesfalls zu viel, sonst kommt die ekle Qual der Läuse über ihn, und das braucht er schon gar nicht.

Zweijähriges Holz

Jedoch: Soll er vor dem Einräumen geschnitten werden? Soll man ihn besser erst im Frühling stutzen? Oder soll man ihn am Ende überhaupt nicht schneiden? Das ist hier die Frage, die Oleanderliebhaberinnen und -liebhabern bei der Betrachtung ihrer Prachtstücke auf die sorgenvoll gekräuselte Stirn geschrieben steht.

Die Antwort lautet folgendermaßen: Einmal mehr ist der Weg der Mitte der rechte. Der Oleander blüht am zweijährigen Holz. Man schneide ihn, so es unbedingt sein muss, in mehreren Stufen zurück. Also keine Radikalrasur, sondern ein lockeres Ausschneiden, das im folgenden Herbst wiederholt werden kann.

So weit die offizielle Theorie. Doch - unter uns gesprochen - der Oleander ist ein totales Unkraut und fast nicht umzubringen. Wenn ein paar wichtige Regeln beachtet werden, blüht er auch nach völligem Rückschnitt - des wütenden Geschicks erduldend sozusagen - im Folgejahr. Zwar nicht ganz so üppig und ein wenig später, aber doch.

Dafür bedarf er lediglich dreier herzlich simpler Zutaten ab dem Frühling, wenn er wieder Freiluftquartier bezieht: Er will viel Sonne, viel Wasser (keine Staunässe!) und sehr viel Dünger. Denn der Oleander ist nichts anderes als ein besonders hübscher Vielfraß.

Fruchtbarster Boden

Er steht in seiner südeuropäischen Heimat vorzugsweise an den Ufern lieblicher Bäche, wo ihm genug Feuchtigkeit und vor allem fruchtbarster Boden zur Verfügung stehen, um bis zu sechs Meter hoch zu werden. Bekommt er zu wenig Futter, verweigert er die Blüte, werden seine Blätter von Blässe angekränkelt, wirft er sie ab, pfeift er quasi einfach drauf.

Die schönsten Oleanderbüsche stehen nicht zufällig in den Höfen der Bauersleute. Viele Theorien hinsichtlich der Pflege dieser außergewöhnlichen Exemplare wurden von neidisch hinschielenden Besitzern weniger üppiger Oleander gesponnen.

Verwenden diese Leute zerriebene Kuhfladen als Düngerbeigabe? Oder Hendldreck - quasi als endemisches Guano? Oder Schweinemist, in dünnen Schichten aufgetragen? Oder andere, noch geheimnisvollere Komposte?

Die Antwort, die Ihr Grünzeug bekam, als es sich endlich zu fragen getraute, ist ernüchternd: Dünger halt. Flüssig oder Granulat. Egal. Nur genug davon. "Wisst ihr das nicht? Das weiß jeder Narr." (Ute Woltron/Der Standard/rondo/03/10/2008)

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    Der Oleander kann bis zu sechs Meter hoch werden.

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