Asyl bei Vincent

2. Oktober 2008, 17:00
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Einmal jährlich werden die Schreiber der kulinarischen Schrift "Häuptling Eigener Herd" von ihrem Herausgeber bekocht

Um 20 Uhr versuchte die Gruppe der österreichischen Asylsuchenden ihren Antrag zu überreichen, aber der Chef war gerade in der Küche. C. F. meinte, dem Hacismus und den Bienenzüchtern in der Heimat könne man nur etwas entgegensetzen, wenn man auch bereit sei, die eigene Leber zu opfern und bat um eine neue Flasche. Jemand bot Ihrer Autorin sein Taschentuch an, während sich eine lange Schlange von Beileidwünschern anzustellen begann. B. F. fasste sich ein Herz und tröstete sich und uns mit einem Isloamstattdahoam-Gedicht, als er bei Isloimstattdahoim anlangte, ging es uns ein Momenterl lang wieder etwas besser.

Am Sonntag war nicht nur Nationalratsqual in Österreich, sondern auch Häuptlingsfest in Stuttgart. Nein, das ist keine Lizenzveranstaltung der Winnetou-Festspiele in Winzendorf (den halben Abend versuchte ich zu recherchieren, ob sie oder doch die Karl-May-Spiele in Gföhl berühmter sind, aber alle, die ich fragte, legten mir nur verständnisvoll die Hand auf die Schulter und sagten, na, so schlimm wird 's schon nicht werden). Nein, beim Häuptlingsfest werden die Gratis-(Hallo Finanzamt!)-Schreiber der kulinarischen, was immer das heißt, Vierteljahresschrift (manche sagen Kampfschrift dazu) "Häuptling Eigener Herd - Wir schnallen den Gürtel enger" von den Herausgebern Vincent Klink und Wiglaf Droste bekocht und betütelt.

Lärm und Gestank

Vincent, der Herr über die Wielandshöhe in Stuttgart, ist der einzige Spitzenkoch, bei dem ich, wenn er hinter meinem Sessel steht, das Brot in die übrig gebliebene Safransauce zu den Triglie einbrocke und keine Glatzenwatsche dafür erwarte. Er ist aber eigentlich auch der einzige Spitzenkoch, den wir jemals zum Menü-Ende zum Bassflügelhorn greifen sahen. Wir, das ist eine mehrköpfige österreichische Schreiberdelegation, außer den berühmt-berüchtigten Rondo-Gestalten Harrer/Fuchs (wobei auch Severin Corti im "Häuptling" schreibt, aber der musste wohl am Sonntag auf einen Parteikondukt und war in Stuttgart nicht dabei) war es diesmal auch der Wiener Iranist Bert Fragner, der zur aktuellen, der 36. Ausgabe des "Häuptlings", die den kulinarischen Titel "Lärm und Gestank" trägt, einen Artikel mit dem noch kulinarischeren Titel "Hans Hennings Heringe und andere Fischeleien" beigesteuert hat. Darin stinkt unter anderem der Surströmming, aber lassen wir das.

"Das wird Ihnen schon schmecken", sagt Vincent nach der Vorstellung der vielen Schreiber und Zeichner (immer gestaltet ein anderer ein Heft, Fotos gibt es keine) und anderen guten Menschen, die zum "Häuptling" beitragen, und zur Einleitung des Menüs, das da war: Wachtelgalantine, Linsensalat (in der Wielandshöhe gibt es nichts "an" irgendwas); Hummercremesuppe; sautierte Jakobsmuschel, Risotto Trevisano; gegrillte Rotbarbe, Safrangemüse; Rehkitzrücken, Holundersauce, Wirsing, Pizockels sowie Zwetschkentarte, Creme Chantilly, Vanilleis.

Dazu muss man jetzt nichts weiter sagen, denn das ehrsame Gewerbe des Gastrokritikers mache ich niemandem streitig. Nur, es hat uns schon geschmeckt, siehe oben. Aus der österreichischen Delegation heulte einer auf, als er die Wachtel von einem halben Wachtelei begleitet sah. Jemand machte den Vorschlag, es einpacken zu lassen, nach Wien mitzunehmen, um jemand damit zu bewerfen, aber das war dann doch schad' drum.

Bassflügelauftritt

Übrigens haben wir auch gut getrunken. Champagner und Bordeaux, dazwischen jedoch Deutschland, Weißburgunder aus Müllheim (Baden), und deutsch trinkend können sich die unglücklichen Österreicher auch noch die Illusion abschminken, dass nur sie Weißweine machen können. Auch vor unseren fetten Rieslingen will man ja manchmal nach Deutschland davonlaufen.

Zu Beginn des Abends war uns Vincent etwas angespannt erschienen, was sich später durch den Bassflügelauftritt logisch erklärte. Aber auch seine Gäste pflegen dem Ereignis entgegenzufiebern, was Gast N. N., einem renommierten Ethnologen, folgenden Traum bescherte: Es wird zum "Häuptlingsfest" geladen, aber nicht Vincent, sondern er - N. - muss kochen. Über den ersten Gang versucht er sich quasi hinwegzuschwindeln (dazu muss gesagt werden, dass N. ein Superkoch ist), er macht ein Soufflé (ein Aufstöhnen am Tisch bei der Erwähnung dieses Gerichts, für so viele Esser gleichzeitig ist das ja mehr als ehrgeizig). Das Soufflé ist dann "so leicht", erzählt N., dass es gar nicht vorhanden ist, man sieht es nicht, wie es da so vor einem auf dem Teller steht, ja, eigentlich ist es gar nicht da, so leicht ist es! Bei Gang zwei erliegt N. dann endgültig der Angst, durchschaut zu werden, sinkt zu Boden und umklammert weinend Vincents Beine.

Nicht deshalb jedoch haben wir hier den Häuptling als Triumphator, siehe unten, darstellen lassen, sondern, weil dieses Bild, trotz aller Essensbesänftigung, Sonntagabend eher unserer Gemütslage entsprach, als alle gutmütigen Versionen. Und wer von uns aus hinterm Herd liegen sollte, sagen wir nicht. (Gudrun Harrer/Der Standard/rondo/03/10/2008)

  • 36. Ausgabe des "Häuptlings"
    foto: hersteller

    36. Ausgabe des "Häuptlings"

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