Serviette, frisch gebügelt

3. Oktober 2008, 17:00
31 Postings

Eine Imbissstube im Wiener Servitenviertel wurde neu übernommen, erweitert und zu einem architektonischen Kleinod ziseliert - Beim Essen wird noch nachgebessert

Eigentlich hat Hanna Wallner Bildhauerei studiert. Privat legt sie immer noch Hand an den Stein. Beruflich aber kam, wie das bei jungen Leuten passiert, bald einmal die Gastronomie dazwischen. Kellnern im Flex oder Drechsler ist nun mal lustiger, als bei Herr und Frau Professor zu antichambrieren. Und gut fürs Taschengeld ist es obendrein. Jetzt aber ist daraus ziemlich plötzlich ein eigenes Lokal geworden - und was für eins!

Das kam so: Die "Serviette" in der (ja, eh lustig) Servitengasse war eine ebenso winzige wie charmante Imbissstube mit durchaus pfeffriger ungarischer Küche. Pál Szakál, der Koch und Besitzer, ist ein Freund von Hannas Vater. "Wennst aufhörst, dann übernehm' ich die Hütte", hatte dieser, Industrieller aus der Steiermark, Szakál schon vor Jahren angekündigt. "Vor einigen Monaten hat er tatsächlich Schluss gemacht", sagt Hanna Wallner, "tja - und seitdem hab' ich die Serviette um."

Modern, aber keineswegs modisch

Weil das Geschäft nebenan auch zu haben war, kam es gleich mit in den Umbauplan. Dafür wurde der Salzburger Architekt Simon Speigner engagiert, ganz ordentlich Geld vom Papa in die Hand genommen - und siehe da: Die neue Serviette ist ein außergewöhnlich schönes Restaurant geworden. Modern, aber keineswegs modisch, mit einer kunstvoll zusammengefügten Wandkonstruktion aus Eichenbrettern, die in eine sinnlich geschwungene Bank übergeht, mit raffiniertem Lichtkonzept, mit nur fünf Tischen. An denen sitzt man auf den richtig scharfen Stühlen von Über-Designer Konstantin Grcic - sogar im Schanigarten!

"Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche", fällt Wallner dazu ein. In diesem Sinne soll der Geist von Gustav Mahler auch auf der täglich neu geschriebenen Karte gepflegt werden. Mit einer Vorspeise, zwei Suppen, vier Hauptspeisen und einer Nachspeise ist sie betont schmal gehalten, noch dazu, wo Küchenchef István Szabó auf Wunsch der Betreiberin nicht bloß ungarische Einflüsse, sondern auch die Steiermark, Kärnten, Friaul und Slowenien kulinarisch einfließen lassen soll. Das gelingt abschnittweise schon ganz gut. Gegrillte Gänseleber etwa wird zwischen Scheiben vom mit Zimt gebratenen Apfel geschichtet. Das sieht gut aus und schmeckt schon ganz wunderbar nach Herbst. Umso seltsamer, dass die Paprikaschaumsuppe sich in geradezu feindseligem Kontrast dazu präsentiert: Sie kommt nämlich, ohne Vorankündigung, bis hart an den Gefrierpunkt gekühlt zu Tisch.

Danach gibt es Paprikás vom Hendl mit spitzenmäßigen Nockerln, hier ist Szabó in seinem Element. Topfenknödel mit Gorgonzolacreme und Blattspinat, auf der Karte als "slowenisch" ausgewiesen, gehen hingegen spektakulär daneben: Die Teigbälle so süß wie ein Dessert, der Spinat zerkocht, über allem ein Mantel aus patzigem Käseobers - bitte nicht. Dafür macht die Weinkarte mit einer Spitzenauswahl aus Ungarn, Slowenien und dem Friaul Freude. Wenn das noch etwas hilflos umherirrende Personal irgendwann lernt, wie man die richtig einschenkt, wird es hier noch sehr schön!(Severin Corti/Der Standard/rondo/03/10/2008)

Die Serviette

Servitengasse 4

1090 Wien

Tel.: 0660/216 42 83

tägl. 11.30-15 und 18-23 Uhr

VS € 4,50-9,90, HS € 9,90-19,50

Foto: Gerhard Wasserbauer

  • Architekt Simon Speigner formte aus zwei Winz-Lokalen in derServitengasse ein strahlend schönes Design-Kabinett, in dem man auch hübsch essen kann.
    foto: gerhard wasserbauer

    Architekt Simon Speigner formte aus zwei Winz-Lokalen in der
    Servitengasse ein strahlend schönes Design-Kabinett, in dem man auch hübsch essen kann.

Share if you care.