Auf dem Flavor-Trip

2. Oktober 2008, 17:00
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Rosa Pillen einwerfen ist der letzte Schrei zwischen London und San Francisco - wenn sie den Extrakt einer afrikanischen Beere enthalten ...

... der die Geschmackspapillen ganz lustig in Unordnung bringt.

Eine junge Frau läuft freudestrahlend mit einem Teller Zitronenachteln von Gast zu Gast und teilt jedem, der es hören will, mit, dass sie ihre Sucht nach Süßem soeben geheilt habe: "Das ist besser als Bonbons", ruft sie, "so viel süßer und gesund noch dazu!" Spricht's und beißt in das nächste Stück vom Sauren – die Schale fliegt nonchalant beim geöffneten Fenster hinaus.

Für die anderen Teilnehmer der Party im New Yorker Stadtteil Queens hat die Neuigkeit keinen Sensationswert. Einige Gäste nippen genüsslich an einem Glas Essig. In der Küche macht sich jemand an ein Fläschchen Tabasco: "Oh boy, schmeckt das scharf – wie Honig mit einem Schuss Chili!" Ein anderer Gast experimentiert, unter der Anleitung eines in der Sache erfahrenen Bekannten, mit einer Kombination aus Zitronensorbet und Guinness-Bier und ist über sein "cremiges Schokoshake" begeistert.

Die Herrschaften sind auf Trip, wenn auch auf einem, der keine bleibende Folgewirkungen hat. "Flavor-Trip"-Parties, wie sie seit einigen Monaten in New York, Palm Beach und San Francisco, aber auch schon in London gefeiert werden, beziehen ihren Sensationswert aus dem Wirkstoff einer kleinen roten Beere, deren Geschmack nicht besonders aufregend anmutet ("wie liegengebliebene Cranberries"), es aber dennoch in sich hat. Die aus Westafrika stammende Wunderbeere Synsepalum dulcificum (engl. miracle fruit) besitzt ein Glykoprotein mit dem passenden Namen Miraculin, das sich auf die Geschmackspapillen der Zunge und des Gaumens legt, worauf alles, was eigentlich sauer oder bitter ist, plötzlich ausgesprochen süß schmeckt. Orangensaft verwandelt sich in Zuckersirup, rescher Schilcher in klebrigen Likörwein und unreife Erdbeeren in picksüße Erdbeermarmelade – und das alles ganz ohne Zucker.

Zulassung unklar

Weil die Beere besonders leicht verderblich ist, wird sie gefriergetrocknet, vermahlen und in Tablettenform verkauft. Um den optimalen Wirkungsgrad zu entfalten, sollte die Tablette gut zwischen den Zähnen zerkleinert und über Zunge und Gaumen verteilt werden. Nach etwa einer Minute sind die Geschmacksknospen so präpariert, dass es losgehen kann. Beißt man dann in eine Zitrone, wird anstatt "sauer" die Empfindung "süß" ans Gehirn weitergeleitet. Die Säure wird zwar auch registriert, durch die Süße jedoch wesentlich abgeschwächt. Die Zitrone schmeckt tatsächlich so, als ob sie in Zucker kandiert wäre. Der Effekt hält ungefähr eine Stunde an – genug Zeit also, um sich einmal quer durch den säuerlichen Inhalt des Kühlschranks durchzufuttern. Speisen ohne Säure oder Zucker schmecken übrigens nicht anders als vorher. Wer die Süße nicht mehr erträgt, kann deshalb jederzeit zu Brot und Wasser greifen – oder den Effekt mit heißen Speisen oder einer Tasse bitterstem schwarzen Kaffee abbrechen: Miraculin ist ziemlich hitzeempfindlich.

Chas Barr, ein ehemaliger IT-Spezialist, bietet auf www.miraclefruit.co.uk auch frische Ware an, liefert sie aufgrund der hohen Verderblichkeit jedoch nur in England aus. Geduldige können die Pflanze auch selbst im Wohnzimmer ziehen. Es dauert jedoch drei bis fünf Jahre, bevor die ersten Früchte geerntet werden können. Seit die Beeren in der New York Times und englischen Medien für Schlagzeilen sorgten, boomt das Geschäft. Barr berichtet: "An einem Tag im Juni erhielt ich mehr Bestellungen als im halben Jahr zuvor. Ich hatte mehrere Tausend Bestellungen, alle wollten die Frucht probieren." Er verkauft nach eigenen Angaben mehrere Kilo pro Tag – bei einem Verkaufspreis von etwa zwei Euro pro Portion und Gramm ein gutes Geschäft.

"Novel Food"

Momentan arbeitet die EU an den gesetzlichen Grundlagen für den Verkauf der Wunderbeere. Würde sie als "Novel Food" klassifiziert, so müssten erst aufwändige Sicherheitsstudien beweisen, dass der Konsum unschädlich ist. Dies, obwohl die Frucht in Westafrika seit Jahrhunderten auf dem Speiseplan steht und bisher keinerlei Nebenwirkungen bekannt sind.

In Japan, wo weniger Berührungsängste mit neuen Lebensmitteln bestehen, sind bereits ganze Restaurant-Konzepte auf die Frucht ausgerichtet. Schlanke Frauen und solche, die es werden wollen, schwören auf die kalorienarmen, sauren Desserts, die dank Wunderbeeren-Extrakt schmecken, als ob sie fünfmal so viele Kalorien hätten. Auch der Süßstoff Miraculin ist in Japan zugelassen.

Die Anwendungspalette von Miraculin ist groß. Diabetiker hätten eine Alternative zu künstlichen Süßstoffen, welche oft einen unangenehmen Nachgeschmack haben. Zudem verbessert die Wunderbeere die Insulinsensitivität. Krebspatienten geben an, die Wunderbeere beseitige den metallischen Geschmack im Mund, welcher als Nebenwirkung bei einer Chemotherapie auftritt.

Einziger Gegner der Wunderbeere ist vermutlich die Zuckerindustrie. Sie soll die Einführung von Miraculin 1974 in den USA in letzter Minute verhindert haben. Warten wir ab, wie weit es die Wunderbeere in Europa schafft. (Viviane Bühr/Der Standard/rondo/03/10/2008)

Bezugsquelle für Wunderbeeren-Tabletten:

www.miraclefruitworld.com (Website auch auf deutsch)

Für Samen und Setzlinge:

www.sunshine-seeds.de

www. tropische-pflanzenwelt.de

  • Herzhaft in eine Zitrone beißen, mit Gusto ein Glas Essig leeren,
genüsslich am Tabasco nuckeln: Wer das tut, hat zuvor eine Pille mit
dem Extrakt von Synsepalum dulcificum eingeworfen. Wo es die gibt? Im
Internet.
    foto: hersteller

    Herzhaft in eine Zitrone beißen, mit Gusto ein Glas Essig leeren, genüsslich am Tabasco nuckeln: Wer das tut, hat zuvor eine Pille mit dem Extrakt von Synsepalum dulcificum eingeworfen. Wo es die gibt? Im Internet.

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