Schwamm, elektrisch

4. Oktober 2008, 17:00
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Wenn das "design°mobil" der Hochschule für angewandte Kunst Schulen besucht, werden Kinder zu GestalterInnen

Energisch nestelt Flora in ihrem Haar. Die Schülerin im kornblumenblauen Leinenkleid hat ein Problem: Wie halten bloß diese Putzschwämme, die sie mit Draht und Papier in Ohrenschützer verwandelt hat, an den Ohren?

Flora besucht das Parhamer-Gynnasium im 17. Bezirk in Wien, und was da an einem Mittwoch im September in die Mädchenklasse gerollt kam, waren nach außen nur vier junge Frauen von der Hochschule für angewandte Kunst mit zwei bunten Ziehkoffern an der Hand. Doch wenn es nach der Angewandten geht, soll das Projekt "design°mobil" eine Revolution für Schulen sein.

Erfunden hat es einige Bezirke von Hernals entfernt James Skone, Professor der Abteilung "Design, Architektur und Environment für Kunstpädagogik". In seinem Zimmer an der Angewandten zeichnet er eine Blume auf ein Blatt Papier, darunter Erdboden und ein Knöllchen, es folgt Wurzelgeflecht. So müsse man sich die Wissensvermittlung durch den Workshop vorstellen, sagt er: "Die Blume ist das Designobjekt. Bei uns geht es erst einmal um die Wurzeln. Wir animieren die Kinder zu Experimenten, um Wissen zu akquirieren. Daraus erschließen sich die Aufgaben, der Kern. Erst dann gelangt man zu Lösungen, zur Blume." Tun undreflektieren statt schnell etwas erzeugen.

Diskutiert, ausprobiert, umgesteckt, verworfen

Im Workshop am Parhamer-Gymnasium steht mittlerweile ein Dutzend Elfjährige vor einem Berg Putzschwämmen. Im Nachbarraum hantiert der Rest der Klasse mit Ton. Aufgabe der Schwammgruppe: Entwerft ein Objekt, das eine andere Funktion hat, als Wasser aufzunehmen. Wie im richtigen Designerleben tauchen bald Baustellen auf. Flora, das Mädchen in Kornblumenblau, tüftelt mit ihrer Designpartnerin lange an den Ohrpuscheln. Es wird diskutiert, ausprobiert, umgesteckt, verworfen, von neuem getestet. Am Ende die Lösung: Gummiband unterm Kinn! Gabi, eine schmale Elfjährige mit Pflaster am Kinn, hat entdeckt, dass der Schwamm Haare elektrisiert. "Eine super Beobachtung", lobt Evelyn Sutterlütti vom "design°mobil". "Überleg mal, was du damit machen kannst." Genau das ist die Herausforderung, Gabi fällt nichts ein. Da kommt ihr die Erwachsene entgegen, hilft, die Idee zu einem Produkt werden zu lassen. Wieder etwas gelernt: Kreativ zu sein heißt auch, Teamarbeit zuzulassen. "Ganz schön anstrengend, so ein Designerleben", findet Gabi, "immer braucht man Ideen."

Auch wenn das Projekt nicht jedes Kind fasziniert, diene es als Impuls, auf Design neugierig zu machen, sagen die Kunstpädagoginnen. Skone würde noch einen Schritt weiter gehen. Für ihn geht es um nicht weniger als um allgemeine Lösungsstrategien: "Wer sich so mit Produkten auseinandersetzt, entwickelt Potenzial auch für Problemlösungen im nichtgegenständlichen Bereich", sagt Skone. "Weitergedacht müsste ein Lehrkonzept entstehen, das vom Designprozess ausgeht, aber die Entwicklung von Dienstleistungen initiiert." Das ist derzeit mehr Wunsch als Wirklichkeit, das "design°mobil" kann mithilfe des Sponsors "KulturKontakt Austria" acht Schulen besuchen. Und während der Vienna Design Week (siehe Artikel rechts) werden drei Workshops für Kinder angeboten.

Skones theoretischer Überbau ist den Schülerinnen fremd. Am Ende des Schultages sagt Marie-Marlen aus der Tongruppe: "Vielleicht werde ich später ... äh, wie heißt das noch?" - "Designerin?" - "Ja. Dann kann ich mir immer viele Dinge ausdenken." Pause. "Aber vielleicht werde ich auch Schauspielerin." Es läutet. Mareike Müller/Der Standard/rondo/03/10/2008)

 

  • Mit Design lernt man, Probleme jeder Art zu lösen, meinen die MacherInnen
des Workshops "design°mobil". Weil das auch Kindern und Jugendlichen
nützt, erprobt sich das Projekt an Schulen in Österreich.
    foto: heribert corn

    Mit Design lernt man, Probleme jeder Art zu lösen, meinen die MacherInnen des Workshops "design°mobil". Weil das auch Kindern und Jugendlichen nützt, erprobt sich das Projekt an Schulen in Österreich.

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