Good Lack!

3. Oktober 2008, 17:00
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Die Entscheidung für oder gegen Nagellack ist folgenreich - Sie gibt Auskunft über Lebenssituation, Selbsteinschätzung und Stil - Ein Blick auf die Hände

Nur sehr mutige Frauen tragen knallroten Nagellack auf ihren Fingernägeln, meinte eine Freundin unlängst und erzählte, dass sie beim ersten Date mit einem neuen Mann deshalb lieber eine sehr helle Nagellackfarbe gewählt habe. "Your royal shyness" ("Ihre Hoheit, die Schüchternheit") sei der Name des zartrosa Lackes gewesen und überhaupt liebe sie diese Marke OPI, weil sie nicht nur ihren Nägeln, sondern auch ihrer Stimmung einen Namen gibt. 1981 gegründet, hat das US-Label heute 200 verschiedene Nagellacke und insofern Stimmungen höchst erfolgreich im Programm.

Weil ja irgendwie fast alles rot, orange oder pink ist, inspiriert man sich bei OPI an Themen: "I am not really a waitress" (Ich bin nicht wirklich eine Kellnerin") oder "My auntie drinks Chianti" ("Meine Tante trinkt Chianti") machen aus Fingernägel Statements. Und obwohl das natürlich ein Marketinggag ist, sagen Fingernägel mitunter mehr als tausend Worte. Kurz geschnitten, lacklos oder höchstens mit sehr dezenten Farben, sind sie gerne bei Müttern mit Kindern zu sehen, weil Kochen und vor allem das anschließende Abwaschen prinzipiell schlecht für Lackträgerinnen sind. Und wer außer Bree in den "Desperate Housewives" wäscht grundsätzlich mit Plastikhandschuhen ab?

Scharfe Kralle

Das müssten Frauen, die Haushalte führen, nämlich tun, wenn sie dunkle Farben auf ihren Nägeln tragen wollen, so wie sie derzeit hochaktuell sind. Wer auffallende Farben tragen will, braucht Zeit, und Singles haben da ganz sicher Vorteile. Husch, husch lackieren und dann weg, geht gar nicht. Wer es ordentlich macht, manikürt erst einmal sorgfältig, verwendet Basislack (weil sonst die Nägel verfärben), lackiert zumindest zweimal (weil es sonst billig aussieht) und wartet allerkürzestens zehn Minuten ohne jede manuelle Beschäftigung (weil sonst die spiegelglatte Oberfläche "Pletzer" bekommt). Die Hingabe an sich selbst, die Eitelkeit und das familiäre Umfeld müssen einem dafür Zeit lassen, denn - und auch das ist ein ungeschriebenes Gesetz - abgesplitterter Nagellack ist ein No-No, außer man ist Punk oder heißt Amy Winehouse und will provozieren.

Apropos Provokation: Auch Nagellackmoden haben ihre eigene Dynamik. Waren schwarz lackierte Fingernägel, so wie sie Lou Reed, David Bowie oder Iggy Pop in den 70er-Jahren trugen, noch Zeichen von düster revolutionärer Sexyness und später für Punks und Goths ein wichtiges Element ihres Grusellooks, sind sie mittlerweile salonfähig. Schwarz, Schoko-Braun, Pflaume und Anthrazit sind jedenfalls die neuen Trendfarben der großen Kosmetiklabels. Die derzeitigen It-Nagellacke: Chanels "Black Satin", Yves Saint Laurents "La Laque Gris Smoking", Estée Lauders "Pur Colour Nail Lacquer Berry Cordial" oder "Resiste Shine Pflaume" von L'Oréal. Und noch einmal: Frauen dürfen sich in diesem Segment weder Patzer noch Absplitterungen leisten.

Jessica-Style

Frustrierend, wenn es trotz allerbester Vorsätze mit den perfekten Fingernägeln doch nicht klappen will. Oft liegt es dann an den Nägeln selbst, hat die in Hollywood lebende Jessica Vartoughian beobachtet und 1969 ihre eigenes Nagellack-Label namens Jessica gegründet. Wer sich auf eine Maniküre im Jessica-Style einlässt, beginnt mit einer Nagelanalyse: Beschädigt, trocken, spröde oder normal? Für jeden Typ gibt es einen eigenen Lösung, für alle eine Pflegepackung im dicken, heizbaren Plastikhandschuh und eine spezielle Feil- und Lackiertechnik, die sogar Hollywood-Größen wie Demi Moore oder Reese Witherspoon überzeugten. Die New York Times, sagt die Pressestelle, hätte Frau Vartoughian als "First Lady of Nails" bezeichnet. Und am besten wäre es, wenn ein Besuch bei der Maniküre so selbstverständlich wie ein Friseurtermin würde.

Allerdings Achtung: Die New York Times-Reporterin Alex Kuczynski verlautbarte in ihrem Buch "Beauty junkies" eine eher bittere Erkenntnis: "Irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr ohne Nagellack aus dem Haus gehen konnte. Ohne ihn fühlte ich mich - nackt." Soweit sollte man es vielleicht nicht kommen lassen. (Karin Pollack/Der Standard/rondo/03/10/2008)

Zur Ansichtssache: Mut zu Dunkel

  • Auch Nagellackmoden haben ihre eigene Dynamik.
    foto: der standard

    Auch Nagellackmoden haben ihre eigene Dynamik.

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