Alles Fassade - nur keine fade

29. September 2008, 17:00
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Die Angebote für Kurzreisen und Ausflüge, die sich zeitgenössischer Architektur widmen, werden zahl- und abwechslungsreicher

Reden wir erst gar nicht über ein Dreiländereck, das wie keine zweite Region in Europa zeitgenössische Architektur "gesammelt" und vermarktet hat. Wer heute am Bodensee, das heißt: in Dornbirner (konsequenterweise mit Baupreisen ausgezeichneten) Hotels wie dem Martinspark oder dem Berghof Fetz eincheckt, betrachtet es als Selbstverständlichkeit, dass am Nachtkastl Tourenvorschläge für das "Architekturland Vorarlberg" liegen. Das erste Anschauungsobjekt kann einem so noch der Hotelier selbst erklären, und das bereits zur fixen Einrichtung gewordene Package "Architektur live!" hält dann mit einer Broschüre alle weiteren Informationen für individuelle Architekturspaziergänge parat.

Reden wir über über die Nachahmer, die in Wirklichkeit gar keine sind. So nimmt bei den Nachbarn das Architekturzentrum Tirol selbst den touristischen Bildungsauftrag wahr - ein gutgemachter Online-Reiseführer wurde installiert: Drei Routen in Innsbruck und Umgebung umfasst die Sammlung "Architek[tour] Tirol", zur neuen Hungerburgbahn führen sie freilich ebenso wie zu weniger beachteten Schau- oder Verkaufsräumen. Dass es mit der "Lackner-Tour" seit kurzem auch eine vierte Begehung zeitgenössischer Bauwerke gibt, ist darauf zurückzuführen, dass das Werk eines der einflussreichsten Tiroler Architekten der Nachkriegszeit, nämlich das von Josef Lackner, auch der österreichische Beitrag zur 11. Architektur-Biennale 2008 in Venedig ist. Ob sich der Architekturflaneur die zwölf ausgesuchten Objekte dabei in Eigenregie und mit Zetteln ausgestattet "erarbeitet" oder lieber einfach nur zuhört, ist Geschmackssache - Führungen werden jedenfalls angeboten.

Salzburg, der Getreidegassen-Idylle prinzipiell nicht unverdächtig, setzt auf die Kunsthistorikerin Anita Thanhofer beim Geradebiegen von Zerrbildern: Die "Walks of Modern Art" führen dabei in rund zwei Stunden zu sieben Kunstwerken der Salzburg Foundation - das sind im öffentlichen Raum platzierte Skulpturen, die zumeist den Weltkulturerbe-Zuckerguss ein wenig konterkarieren. Treffpunkt für die Rundgänge ist jeden ersten Samstag im Monat der Kiefer-Pavillon im Furtwänglerpark - los geht's um zehn Uhr für zehn Euro -, anmelden sollte man sich dennoch vorher.

Die Steiermark hat's im Herbst besonders leicht, flüssig von moderner Architektur zu reden: Nirgendwo sonst ist die Dichte zeitgenössischer Winzerhöfe so hoch. "Weinarchitektur" immer auch als Architektur des Weins zu thematisieren ist für die Weinakademikerin Angela Hörmann und für die Architektin Martina Kalteis eine Selbstverständlichkeit - soll heißen: Freilich wird verkostet auf den individuell zusammengestellten Touren für bereits zwei Teilnehmer. Zweitägige Architekturreisen (allerdings erst ab einer Teilnehmerzahl von mindestens 15 Interessierten) zum Preis ab 290 Euro pro Person werden denn auch gleich als Sorglospauschale mit Vier-Sterne-Unterkunft und Halbpension angeboten.

Das Weingut Tscheppe am Pössnitzberg bei Graz will die Ernte einer touristisch fruchtbaren Verbindung aus Neu- und Weinbau seit vergangener Woche nun übrigens selbst einbringen. Im neuen Hotel Pössnitzberg, wo die Gäste den Abgang in Zimmern mit Namen wie "Gelber Muskateller" oder "Grauburgunder" zelebrieren, ist der Wein wirklich ganz nah: Eine Rebe rankt sich hier am Kopfende des Bettes empor. Und wenn eine bewohnbare Buschenschank-Interpretation heute feuchte Fröhlichkeit garantieren will, tut sie das zumindest mit einem eigenen Spa-Bereich mitten am Weinberg. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/17.&18.92008)

  • "Doppelbett im Grauburgunder" - gibt es seit einerWoche im Tscheppe-Hotel Pössnitzberg.
    foto: tscheppe

    "Doppelbett im Grauburgunder" - gibt es seit einer
    Woche im Tscheppe-Hotel Pössnitzberg.

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