Kirchlein, Kirchlein an der Wand . . .

4. Oktober 2008, 17:00
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... welches das schönste ist in einem Land wie Armenien, muss jeder selbst herausfinden. Und am besten tut man das als Wanderer

Von einem Hügel am Stadtrand aus wacht "Mutter Armenien" über Eriwan: eine riesenhafte steinerne Frauenfigur mit Schwert auf einem gewaltigen Podest, zu deren Füßen die armenische Hauptstadt im weißen Sonnenlicht eines heißen Septembervormittags liegt. Dahinter verschwimmt die hoch aufragende Silhouette des schneebedeckten Ararat im diesigen Schleier. Das Nationalsymbol Armeniens - angeblich Landeplatz von Noahs Arche - liegt seit den 1920er-Jahren jenseits der Grenze auf türkischem Staatsgebiet.

Eriwan brummt im dichten Verkehr, an vielen Stellen wird gebaut. Jung ist die Stadt und quirlig, viele halten sich Handys an Ohr, die Mädchen stöckeln auf hohen Absätzen. Die sowjetische Vergangenheit ist noch präsent: in den monumentalen Repräsentationsbauten, die sich mit konkaven Fassaden um den zentralen Republik-Platz reihen. In den alten russischen Autobussen und Lastwagen, die hier noch Dienst tun. In den rostigen Ladas, die zwischen glänzenden Limousinen mit dunklen Scheiben durch die Stadt brausen, vorbei an zweisprachigen, kyrillisch-armenischen Straßenschildern und verbeulten russischen Werbetafeln.

Wer Russisch kann, kommt auch im neuen Armenien gut durch. Die Marktstandler, die am samstäglichen Flohmarkt von Eriwan alles von Chemikalien, Autoersatzteilen und Apothekerbedarf bis zu Teppichen, Kelim-Puppen und Granatäpfeln aus Ton verkaufen, sprechen es genauso wie eine alte armenische Bäuerin beim viel besuchten Sonnentempel des Dorfes Garni, die sich mit einem "Otkuda vy?", "Woher kommen Sie?" an offensichtliche Ausländer wendet.

Weit, weiter hinter Eriwan

Im Minibus geht es aus Eriwan hinaus - vorbei an altersschwachen Plattenbauten aus graurosa Tuffstein. Jetzt aber weitet sich der Blick: strohgelbe, leuchtende Hügel, dahinter grüne Senken mit Nuss-, Apfel- und Marillenbäumen, zwischen denen niedrige Hausdächer auftauchen. In den Höfen sind Strohballen-Quader zu Stufenpyramiden aufgetürmt, die die Häuser ums Doppelte überragen, Kühe und Pferde lugen aus dem Ensemble hervor.

Je weiter weg von Eriwan, umso leerer wird es, umso ärmer auch, umso mehr dominiert gleichzeitig eine imposante, vielgesichtige Natur. Am Himmel ziehen die Adler weite, gemächliche Bahnen über den Bergketten und der meerhaften Weite des Sevan-Sees, über tiefen Schluchten, hügelige Steppenlandschaften und dichten Buchen- oder Eichenwäldern, in denen die Wölfe wohnen. An den Rändern dieser Wälder, am Eingang zu den Dörfern, sind die Äste der Kornelkirschbäume von reifen Dirndln schwer geworden.

"Barév" heißt der armenische Gruß. "Barév", grüßt schüchtern ein Mädchen, das in einem Baum sitzend Dirndln pflückt und neugierig der Wandergruppe nachschaut. Die hat gerade das Kloster Sanahin hinter sich gelassen. Grasbüschel und Sträucher wachsen dort aus den Fugen der mittelalterlichen Anlage. Das Kegeldach des Kirchturms sieht aus, als hätte es eine Frisur aus grünem Flor. Grabplatten bilden den Weg, leiten die Schritte durch die an diesem Nachmittag menschenleeren Höfe und Räume.

Erhaben schön, dunkel und still ruhen die großen, Gavith genannten Vorhallen der armenischen Kirchen vor den Wanderern. Vorbei an Säulen und Wandinschriften, unters Deckengewölbe, bis hin zum feierlichen Licht, das von oben durch eine Öffnung in der Decke ins Innere dringt, führen leise die Schritte. Aufwändig gemeißelte Kreuzsteine stehen dort, wie man sie überall in der Hundertschaft der herrlichen Kirchenanlagen des Landes findet - einige davon sind nur mehr Fragmente, viele vollständig und in ihrer beeindruckenden Ornamentik erhalten.

Adressen in Sandstein

Im Süden, ganz in der Nähe des Städtchens Goris, wo Maulbeerbäume die Straßen säumen, wandert man am Rand des Dorfes Chndzoresk durch eine fantastische Kulisse turmhoher Sandsteinsäulen, in denen Höhlen bis in die 1940er-Jahre den Dorfbewohnern Wohnstatt boten. Erst tags darauf führt der lange Fußmarsch weiter vom Dorf Ltsen zum Kloster Tatev. Es ist eine dramatisch schöne Szenerie. Die Blicke reichen weit über die breite Schlucht, die sich tief in grünbraune Wiesen gefressen hat. Man stapft über Hänge mit Schafgarben, rosa blühenden Malven-Stauden und Wildrosen mit roten Hagebutten hinauf in die Höhe bis über 2000 Meter und dann hinunter in Richtung Tatev.

Das Wetter schlägt um. Die Hitze macht einem scharfen Wind Platz, Sträucher biegen sich, es donnert, und schließlich kommt der Regen, durch den ein Bauer - windschief gegen die Brise gebeugt - grüßend auf seinem Esel reitet. Die ungepflasterte Dorfstraße von Tatev hat sich in dicken Matsch verwandelt. Ein Mann sitzt jetzt gelangweilt in seinem Geschäft, das in einem blauen Container untergebracht wurde. Und dann ist da, am Ortsende, das Kloster.

Wie ein Adlerhorst klammert sich die umfriedete Anlage an ihre Felsklippe, Blicke in die Schlucht dahinter erzeugen Schwindel. Eines der mächtigsten Glaubenszentren ist dieses im 9. Jahrhundert gebaute Kloster zu seiner Hochzeit im 13. Jahrhundert gewesen. Über 600 Dörfer waren ihm tributpflichtig, hunderte Mönche lebten dort und studierten in dieser Festung der Bildung. Erst seit einigen Jahren - die Religionsverbote der Sowjetzeit sind überwunden - leben in Tatev wieder Mönche.

Einige Klosterräume sind zum Abgrund hin offen. Steht man dort und schaut vorsichtig vorgebeugt in den Abgrund, versteht man, woher dieser Ort seinen Namen haben soll: "ta-tev!", "Gib mir Flügel!", rief der Architekt des Kloster in den Himmel, als er sein gigantisches Werk vollendet hatte.

  • Seit 2008 hat WeltWeitWandern, der Grazer Experte für nachhaltigen Tourismus, Armenien im Programm. "Armenien - Wandern & Kultur" heißt die zehntägige Kulturreise, die längere Wanderungen in spektakulär verschiedenen Landschaften vorsieht.Termine: 2.-12. 10. 2008 und 14. 5. - 24. 5. 2009;Komplettpreis (im DZ) inkl. Flug: € 2240,-Alternativ wird das Arrangement „Armenien - Trekking& Kultur" angeboten - mit zusätzlichen Trekking-Touren und der Besteigung des Ararat-Westgipfels.
Informationen:
weltweitwandern.at
    foto: weltweitwandern.at

    Seit 2008 hat WeltWeitWandern, der Grazer Experte für nachhaltigen Tourismus, Armenien im Programm. "Armenien - Wandern & Kultur" heißt die zehntägige Kulturreise, die längere Wanderungen in spektakulär verschiedenen Landschaften vorsieht.

    Termine:
    2.-12. 10. 2008 und 14. 5. - 24. 5. 2009;
    Komplettpreis (im DZ) inkl. Flug: € 2240,-

    Alternativ wird das Arrangement „Armenien - Trekking
    & Kultur" angeboten - mit zusätzlichen Trekking-
    Touren und der Besteigung des Ararat-Westgipfels.

    Informationen:

    weltweitwandern.at

  • Hilfreiche Informationen vor der Reise bietet der Reiseführer Armenien. 3000 Jahre Kultur zwischen Ost und West. Jasmine Dum-Tragut. Trescher Verlag 2008, € 20,50. Er ist aktuell, gut recherchiert und besonders geeignet für Kultur- und Wanderinteressierte. 
Das austro-armenische Portal "Masis" (siehe Webtipp unten Mitte) listet wichtige Kontaktadressen (z. B. die Botschaft, aber auch Vereine in Österreich) auf, die umfangreichste touristische Webseite (in englischer Sprache) ist "Armenia Information".
Im Bild zu sehen: das Kloster Tatev.
    foto: eupator/wikipedia.com

    Hilfreiche Informationen vor der Reise bietet der Reiseführer Armenien. 3000 Jahre Kultur zwischen Ost und West. Jasmine Dum-Tragut. Trescher Verlag 2008, € 20,50. Er ist aktuell, gut recherchiert und besonders geeignet für Kultur- und Wanderinteressierte.

    Das austro-armenische Portal "Masis" (siehe Webtipp unten Mitte) listet wichtige Kontaktadressen (z. B. die Botschaft, aber auch Vereine in Österreich) auf, die umfangreichste touristische Webseite (in englischer Sprache) ist "Armenia Information".

    Im Bild zu sehen: das Kloster Tatev.

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