Mit links gegen das Blackout

25. September 2008, 17:00
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In Porto flogen zwölf Piloten beim Red Bull Air Race mit ihren Boliden um die Wette. Eine Million Menschen war live dabei - mit Ansichtssache

Klar pickt einem der Angstschweiß im Nacken, in diesen Momenten ohne Orientierung. Aber links hilft. Schaut man nach links, bleibt alles gut. Links ist der Horizont. Geradeaus ist oben, und hinter einem sitzt der Pilot Sergio Pla, der den wildgewordenen kleinen Flieger mit 300 km/h wie eine Rakete in den Himmel schießen lässt. Dann dreht die Maschine ein paar Schrauben ins wolkenlose Blau. Fast kommt einem vor, der Flieger spiele mit dem Erdball, necke ihn wie eine Fliege einen Elefanten. "Schau nach links", hört man es wieder im Helm. Dann fragt die Stimme, so wie jede Minute: "Bist du okay?" Insgesamt fragt sie zehn Mal.

Einigermaßen weit oben im Himmel angekommen, lässt der gebürtige Valencianer, der als Pilot für Red Bull arbeitet, den knapp 600 Kilo schweren Himmelsspucker einfach fallen. Wie einen Stein. Wahrscheinlich nach unten. Wo das genau ist, weiß in diesem Moment nur Sergio Pla. Hoffentlich.

Die Reiselektüre für dieses Wochenende in Portugal, Antoine de Saint-Exupérys "Flug nach Arras", passt. "Die Angst rührt vom Verlust des eigentlichen Selbst her", schreibt der Schriftsteller und Flieger. Über das Nach-links-Schauen steht keine Zeile in dem Buch. Und wo unten ist, schreibt er auch nicht.

Unten bedeutet nach dem teuflischen Himmelsritt dann doch Erde, genauer gesagt Porto, wo an diesem Wochenende Anfang September insgesamt eine Million Menschen nur ein Motto kennt: "Guck in die Luft". Die Portugiesen sind so wie drei Wochen zuvor die Ungarn oder davor die Londoner ganz narrisch auf den Luftzirkus namens Red Bull Air Race.

Von der Uroma im Rollstuhl mit Jausensackerl und Strickzeug bis zum eisschleckenden Hosenmatz säumen Neugierige das Flussufer des Douro, der die Städte Porto und Gaia trennt. Es herrscht Volksfeststimmung unter den unzähligen buntgekachelten Balkönchen, die gleich Terrassen die Hügel der Städte emporranken. Der Douro ist der Boden der Arena für das Spektakel. Über dem ruhig dahinfließenden Strom liefern sich zwölf Piloten ein Flugrennen, das seit 2005 offiziell als weltweite Wettkampfserie ausgetragen wird. Himmelhunde würden manche zu den Fliegern sagen, die in diesem Jahr an insgesamt acht Stationen auf der ganzen Welt um den Titel des Red-Bull-Air-Race-Weltmeisters wettfliegen. Teufelskerle würden sie andere nennen, auch Verrückte ist als Bezeichnung durchaus nachvollziehbar, denn bei dem Wettkampf geht es darum, mit bis zu 370 km/h durch einen Parcours aus sogenannten "Air Gates" zu fliegen. Air Gates sind 20 Meter hohe gestreifte Pylonen, die aussehen wie auf den Kopf gestellte Stanitzl aus einem Hightech-Textil. Wie überdimensionierte Krocket-Tore stecken sie auf Flößen im Fluss. Samstags ist Qualifying, am Sonntag geht's um die Wurst bzw. Punkte für die Weltmeisterschaft.

Sergio Pla gehört nicht zu den zwölf Rennfliegern. Noch nicht. Einstweilen darf er so manchen Gast des Rennwochenendes dem Himmel näherbringen und vor dem Rennen als Erster über die Menschenmassen donnern. Dabei schneidet er wie eine hyperventilierende Riesenlibelle die Städte Porto und Gaia per Luftlinie und Kringelschwänzchen aus weißem Rauch auseinander. Seine Zeit stoppt keiner. Sein Flug dient dem Verscheuchen von Möwen und anderem unmotorisierten Geflügel, das den Fliegern beim Rennen gefährlich werden könnte. Und natürlich der Vorfreude der Zuschauer, von denen viele mit gelben Papierhüten auf den Start warten.

Nachdem eine Jet-Staffel, sozusagen als Ouvertüre des Events, unter Donnergrollen ihr Himmelsballett beendet hat, sieht man auf Videoscreens, was sich inzwischen ein paar Kilometer weiter im Fliegerhorst der Wettkampfpiloten tut. Wie Wünschelrutengänger ohne Ruten bewegen die Piloten ihre Hände über den Boden der Hangars. Im Kopf gehen sie dabei den zu fliegenden Parcours durch, denn bei dem Tempo, mit dem sie ihn in wenigen Minuten meistern werden, bleibt kaum Zeit zum Schauen. Fast bekommt man den Eindruck, als erfühlten sie die zu fliegenden Schleifen, Slaloms und Manöver.

"Smoke on", also "Lass es rauchen", ertönt es mit tief brummender Stimme aus den Lautsprechern. Das Gewurl an den Flussufern wirkt wie eingefroren. Ganz Porto schaut in die Luft. Potzblitz taucht der erste Flieger aus dem Himmel hinab und durchfliegt wenige Meter über dem Flusswasser das erste Hindernis. Die Maschine ist erstaunlich ruhig, lediglich auf gleicher Höhe brüllt der Motor des Fliegers dem Zuschauer ein infernales "Da schau her" zu. Eine gute Minute dauert der Spuk, dann grüßt der Flieger Publikum und Sonne und verschwindet unter himmlischen Luftschleifen dorthin, von wo er gekommen war. Der Nächste, bitte.

Der ist leuchtend gelb, und auch er fetzt wie ein wildgewordener Hightech-Moskito durch die Pylonen. Sein Pilot heißt Nigel Lamb. Vor dem Flug erklärt der ehemalige Militär- und Stuntpilot, während er lässig auf dem Flügel seines Fliegers lümmelt: "Bei diesen Flügen lebst du in drei Dimensionen, da ist fast alles purer Reflex. Du selbst hast Flügel." Als er seine Runde fliegt, stellt der Pilot vom Team Breitling seine Tragflächen senkrecht. Wie ein Tomahawk zischt er durch die Pylonen, als wäre die Schwerkraft ein Hirngespinst Newtons. Die zwei, drei Hubschrauber, die das Geschehen flankieren und die Show fürs Fernsehen aufzeichnen, wirken im Vergleich zum gelben Flieger wie verkaterte Maikäfer.

Plötzlich ist das typische Hupen eines Lastwagens zu hören. Auf die Hupe drücken die Schiedsrichter, wenn einem Flieger Strafsekunden aufgebrummt werden. Diese kassiert er, wenn er zum Beispiel einen Pylon touchiert, zu hoch oder niedrig fliegt oder die tolerierte Belastung von 12 G überschreitet. Ein hochmodernes "Television Steward System", eine Art Hightech-Schiedsrichterstation, kriegt alles mit, was um und im Flieger abgeht. Auch das beim Rennen angewandte Zeitmess-System von Breitling unterscheidet sich grundlegend von normalen Zeitmessungen. Mehrere Lasersysteme erfassen den Flieger dreidimensional aus verschiedenen Blickwinkeln und liefern so auch Infos über die Beschleunigung in allen Achsen. Zusätzlich misst das System die aktuelle Fliehkraft, natürlich die Geschwindigkeit des Flugzeugs und den Puls der Piloten.

Rasen dürfte in diesem Moment jener von Red-Bull-Pilot Péter Besenyei aus Ungarn. Sein Gesicht ist auf den Screens zu sehen, während die blaue Maschine hoch über dem klatschenden Publikum Purzelbäume schlägt. Hören wird Besenyei vom Applaus nichts. Wie ein aufgeregter Frosch bläht er seine Wangen und atmet, als hätte sein letzter Looping begonnen. Mit "11, 9 G" kommentiert der Sprecher das Ganze. Aber was heißt das für den bodenständigen Laien?

"Das bedeutet, er wäre unter dieser Belastung sofort bewusstlos. Man kann es mit einem Schlag auf den gesamten Körper vergleichen", gibt einem der österreichische Pilot Hannes Arch eine Ahnung. Wie die Piloten das aushalten, erklärt der Flieger, während er im Hangar sitzt und erstaunlich entspannt auf seinen Start wartet. Hinter ihm parkt sein silberner Flieger, so glänzend und hochpoliert, als hätte ihn gerade eine Maschine ausgespuckt. "Es erfordert extrem viel Flugtraining und natürlich Fitness", sagt der 41-Jährige, dessen Erfahrungen aus Extremsportarten wie Basejumping das ihre zu Fitness und mentaler Stärke beitragen. Und was hält einer, der sogar schon von der Eiger-Nordwand gehupft ist, von Saint-Exupérys Satz "Die Angst rührt vom Verlust des eigentlichen Selbst her"? "Im Flugzeug selbst habe ich keine Angst, da bin ich kühl im Kopf. Angst ist auch nichts Schlechtes. Sie warnt davor, Dummheiten zu machen. Ich verspüre sie gelegentlich beim Einschlafen, wenn man sich fragt: 'Was tu ich da eigentlich', aber diese Gedanken macht sich doch jeder, oder?" Eine andere Frage ist jene nach der Sicherheit des Publikums. Schließlich kann es auch den besten Piloten einmal hinter dem Ohr jucken. Arch dazu: "Sollte zum Beispiel der Motor ausfallen, landen wir im Wasser." Die Vektoren des Flugkurses, eine sogenannte Wurfparabel, die auch im Simulator geprüft wird, seien so berechnet, dass der Flieger im Falle eines Kontrollverlustes schon vor den Zuschauern runterkäme.

Zwei Stunden nach dem Besuch bei Arch steht dieser Champagner versprudelnd als Sieger auf dem Podest. Eine Minute und sieben Sekunden brauchte der Luftikus für den Kurs. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich im November beim Finale in Perth den Weltmeistertitel holen wird, ist extrem hoch, fehlt ihm doch zum Titel nur ein einziger Punkt. Als der Rambazamba vorbei ist, sind die engen, gepflasterten Gassen Portos völlig verstopft. Nichts und niemand geht mehr. Manche beginnen, es sich gemütlich zu machen, klappen ihre Campingsessel auf, trinken ein Gläschen Port und kreisen wie in der Gymnastikgruppe mit dem Hals, der sich über das Ende des Spektakels mindestens so freut wie die Möwen, die jetzt wieder Starterlaubnis haben. Die dürfen im Gegensatz zu Sergio Pla und den anderen Himmelhunden auch unter der alten Brücke "Dom Luís I." durchfliegen. Piloten ist halt doch etwas verboten. (Michael Hausenblas/DER STANDARD/Rondo/26.9.2008)

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