Komplimente machen

26. September 2008, 10:11
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Der Drang, so zu tun als ob - Oder: Ein Contra gegen das taktlos gewählte, das schlecht platzierte, das übertrieben formulierte Kompliment

+++Pro
Von Sigi Lützow

Jeden Tag eine gute Tat ward dem Wölfling einst aufgetragen. Und er tat voller Eifer, was er für gut hielt. Unbarmherzig, täglich. Ältere Herrschaften über Straßen führen, die sie niemals überqueren wollten; Großmutter mit frischen Rupfblumen aus ihrem eigenen Garten beglücken; Vatern, der heimlich rauchte, vor Mutters Augen ein Pfeifchen stopfen. Nachbars Hund, nun, lassen wir das. Jedenfalls, nie ließ er sich abhalten, Gutes zu tun. Auch als Späher nicht, nicht als Explorer und nicht als Rover, also als Pfadfinder jenseits der Adoleszenz. Freilich wandelte sich der Drang zur Tat mehr und mehr zum Drang, so zu tun als ob. Und so lernte er, Komplimente zu machen, täglich mehrmals zu machen, unbarmherzig. Konsequentes Unterschätzen des tatsächlichen Alters eines Geburtstagskindes; konsequentes Überschätzen von auch noch so marginalen Abspeckleistungen; bei der Preisung von Designerfetzen konsequent seine Farbenblindheit nutzend. So ist er bis heute Pfadfinder geblieben, so sucht und findet er die Wege zu seinen Mitmenschen, unbarmherzig.

Contra---
Von Christoph Winder

Es ist schwer, gegen Komplimente an sich zu sein. Sie heben die Laune, bringen Sonne in den Alltag (im trüben Herbst besonders willkommen) und wirken im besten Falle mild antidepressiv wie ein oder zwei Gläschen Chablis. Daher kein Contra gegen das Komplimentemachen generell, dafür aber ein umso energischeres Contra gegen das taktlos gewählte, das schlecht platzierte, das übertrieben formulierte Kompliment. Einige Beispiele für eindeutig kontraproduktive Komplimente: "Sie sehen heute wieder aus wie zwanzig." (Wirkt als Schmeichelei für eine Neunzigjährige unglaubwürdig.) "Hut ab!" (Unangemessen doppeldeutige Wortwahl, wenn man es zu Papst Benedikt sagt.) "So subtil und geistreich war ihre Rhetorik noch selten." (Klingt wirklichkeitsfremd, wenn man Heinz-Christian Strache damit eine Freude machen will.) "Unglaublich, wie viel du abgenommen hast." An wen man diesen letzten Satz keineswegs richten darf, ohne in schweren Verhöhnungsverdacht zu kommen, überlasse ich taktvoll der Fantasie der Leser. (Der Standard/rondo/26/09/2008)

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    Kein Contra gegen das Komplimentemachen generell.

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