Mischen possible

20. September 2008, 17:00
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Na also, geht doch: Die Slowfood-Hüter des moralisch guten Genusses stellen nun auch österreichische Produkte unter Schutz

Es ist vollbracht: Österreich erhält mit dem Elsbeerenbrand und dem Gemischten Wiener Satz seine ersten zwei Slowfood-Förderkreise. Diese Förderkreise - im italienischen Original "Presidi" - sollen hochwertige, traditionell hergestellte Lebensmittel gegen die Gefährdung durch industrielle Landwirtschaft, durch bürokratische Gleichmacherei oder durch eine beschädigte Umwelt schützen. In Italien sind die inzwischen 200 Presidi zu Tourismus-Vermarktungsmaschinen avanciert, deren Erfolg sich jeder Lokalpolitiker nur allzu gerne an den Hut steckt. Ein Presidio-Produkt in einer Region zu pflegen bedeutet nämlich fast automatisch einen regen Zustrom gut situierter Feinschmecker-Touristen. Mit der Erhebung gleich zweier Produkte in den Slowfood'schen Adelsstand würde Österreich mit einem Schlag den deutschen Nachbarn überholen, bei dem es bis heute einzig und allein ein schwäbischer Birnen-Schaumwein zu derlei Ehren gebracht hat.

Offensiverer Vermarktung

Dass der Brand aus der Elsbeere - einer hauptsächlich im Wienerwald und dort ausschließlich auf Streuobstwiesen angebauten Baumfrucht - schützenswert ist, scheint einleuchtend. Eine jahrhundertealte Tradition, biologischer Anbau sowie äußerst mühsame Ernte- und Herstellungsmethoden - das schreit geradezu nach offensiverer Vermarktung. Noch dazu, wo der wirtschaftliche Erfolg des Brandes mit dem intensiven Mandel-Aroma auch den Fortbestand des selten gewordenen Baumes garantieren würde.

Beim Gemischten Satz wiederum ist die Sortenvielfalt schon im Namen enthalten. Seit Jahrhunderten werden auf den Hügeln rund um Wien Weingärten angelegt, die nicht nur mit einer, sondern gleich mit bis zu 20 verschiedenen Rebsorten bestückt sind. Ursprüngliches Ziel dieser einzigartigen Anbaumethode war, selbst in Jahren, die für manche Trauben nicht so günstig ausfielen, einen Wein von möglichst gleichbleibender Qualität zu produzieren. Der Verschnitt entsteht also sozusagen im Weingarten und nicht erst im Keller. Das ist natürlich Ausdruck von Terroir in Reinform und kommt bei den italienischen Globalisierungskritikern und Hütern der Biodiversität dementsprechend gut an.

"Wiener Weinwunders"

Zwar galt der Wein bis Anfang der 1990er-Jahre als minderwertig und fristete in den Heurigen-Schänken von Grinzing bis Stammersdorf ein Schattendasein als "Spritzwein". Dann aber kamen engagierte junge Winzer - allen voran Fritz Wieninger - und erkannten, dass sich aus der Wiener Besonderheit bei entsprechend pfleglicher Behandlung ganz erstaunlich vielschichtiger Wein machen lässt. Als Teil des vielzitierten "Wiener Weinwunders" darf gelten, dass es in der Bundeshauptstadt mittlerweile wohl keinen nennenswerten Wirt mehr gibt, der diesen wienerischsten aller Weine nicht auf seiner Karte führt.

Wozu also braucht ein derart gehyptes und begehrtes Produkt dann überhaupt die schützende Hand von Slowfood? Peter Zipser, Leiter der Arche Kommission und zuständig für die Einreichung der beiden Projekte: "Gerade wegen des Erfolgs ist es nötig, den Gemischten Satz zu schützen. Wir wollen verhindern, dass die Anzahl der verwendeten Rebsorten weniger wird und längerfristig auch für die Weinbauern verpflichtende Auflagen einführen."

Die Stadt Wien nahm das Projekt erwartungsgemäß wohlwollend auf. "Die Stadt engagiert sich zunehmend für pflanzliche Sortenvielfalt auf ihrem Gebiet", erklärt Zipser erfreut, "und das kommt uns und dem Gemischten Satz natürlich entgegen." Dem Tourismusverband und dem weinliebenden Bürgermeister wiederum kommt das Marketing für ein Produkt entgegen, das den Ruf Wiens als Weinstadt unterstreichen soll.

"Riese von Aspern"

Dass zwei andere österreichische "Arche-Passagiere" - so der Slowfood-Jargon für Produkte, für die Förderkreise beantragt wurden - hingegen leer ausgingen, führt Zipser nicht auf finanzielle, sondern auf ethische Bedenken zurück. So wird die alte Radieschen-Sorte aus dem Marchfeld mit dem klingenden Namen "Riese von Aspern" bis dato nicht biologisch angebaut - eine der Grundvoraussetzungen zum Erhalt des Labels.

Für die Ablehnung des vielbesprochenen Sulmtaler Hendls hingegen sind ganz andere Gründe verantwortlich: "Es hat sich herausgestellt, dass die Hühner gar nicht den Bauern gehören, sondern Eigentum einer Vertriebsgesellschaft bleiben", erklärt Zipser, "und solche Verhältnisse sind für Slowfood, das sich dem Schutz von Kleinbauern verschrieben hat, natürlich inakzeptabel." Da können die Hendln noch so glücklich schmecken. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/19/09/2008)

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    Verschiedene Reben, wild durcheinandergewürfelt angebaut, gemeinsam gelesen und zu einem Wein vergoren: Der Gemischte Satz wird jetzt von Slowfood geschützt.

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