Alles andere als nostalgisch

21. September 2008, 17:00
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Zum zehnten Todestag von Verner Panton geht ein umfassendes Archiv seiner Arbeit online, das von seiner Witwe Marianne Panton und Rina Troxler zusammengetragen wurde

DER STANDARD: Frau Panton, wider Erwarten sind Sie farblich relativ dezent eingerichtet, auch wenn Sie viele Panton-Möbel haben.

Marianne Panton: Nach Verners Tod hatte ich sehr schnell das Bedürfnis, unsere alte, gemeinsame Wohnung zu verlassen. Sie war viel zu groß für mich. In dieser neuen Wohnung musste ich mich zuerst einmal auf mich und meine Zukunft ohne Verner einstellen. Ich wusste ja gar nicht, wie es weitergehen sollte. Malerarbeiten waren da kein Thema. Na ja, und jetzt lebe ich hier seit fast zehn Jahren zwischen weißen Wänden, aber umgeben von Panton-Möbeln und Objekten.

Rina Troxler: Wenn Verner hier reinkommen würde, würde er die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und schreien: "Frau Troxler, bringen Sie mir rote Farbe!"

DER STANDARD: Sie haben einen Großteil Ihres Lebens mit Verner Panton hier in Basel gelebt. Warum ist Verner Panton nicht in Dänemark geblieben? Schließlich war skandinavisches Design ja besonders in dieser Zeit eine feste Größe.

Panton: Das ist ganz einfach: In Dänemark haben wir damals keine Produzenten gefunden. Kaum jemand wollte die zu dieser Zeit viel zu eigenwilligen und visionären Entwürfe von Verner herstellen. Auch wenn es aus heutiger Sicht merkwürdig klingen mag, aber am Anfang war es ein ewiger Kampf.


DER STANDARD: Erzählen Sie ein bisschen von der Arbeit mit Verner Panton. Waren Sie der geerdete Part?

Panton: Verner konnte wirklich undiplomatisch sein. Manchmal sagte er dann: "Ich kann nicht mit Menschen zusammenarbeiten, die ich nicht mag." Ich musste ihn dann häufig dazu motivieren. Das konnte auch anstrengend sein. Natürlich stießen seine Entwürfe immer auf Widerstand. Verner konnte es nicht ausstehen, wenn ihm Leute immer sagten, dass seine Entwürfe nicht umzusetzen seien, ohne dass sie ihm eine alternative Lösung anboten.

Troxler: Nachdem er für den Panton Chair jahrelang nach einem Produzenten gesucht hatte und er 1967 dann endlich in Produktion ging, hat Verner den Satz "Das ist unmöglich" nicht mehr akzeptiert.


DER STANDARD: Wie kam es zu der Idee, das Archiv auf einem Portal öffentlich zu machen?

Panton: Wir sind ja vertraut mit jedem Entwurf von Verner, kennen jede Skizze und jeden Prototyp. Dieses Wissen wird durch das Onlinearchiv, welches von meiner Tochter Carin gemanagt wird, erhalten und zugleich zu einem Teil öffentlich. Ein weiterer Teil wird nur der Wissenschaft und zum Beispiel der Presse zugänglich sein.


DER STANDARD: Wäre es für einen Visionär wie Verner Panton nicht seltsam zu sehen, dass sein Design wieder produziert wird und die Menschen noch immer auf seinen Entwürfen aus den 60er-Jahren sitzen?

Panton: Ganz bestimmt. Verner war zwar alles andere als nostalgisch, aber er würde sich sicher freuen, dass seine Entwürfe auch vis-à-vis des zeitgenössischen Designs als modern und "angesagt" betrachtet werden.

Troxler: Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass manche von Verners Entwürfen erst heute, durch neue Herstellungstechniken und fortschrittliche Materialien, so zu produzieren sind, wie er sich das damals vorgestellt hat.


DER STANDARD: Während es in den 80er-Jahren eher ruhig um Verner Panton wurde, war er in den 90er-Jahren, eigentlich kurz vor seinem Tod, noch einmal sehr gefragt.

Panton: Ja, als er eine Rede in Aarhus an der Architekturschule hielt, waren die jungen Leute sehr begeistert.

Troxler: Obwohl er, mit Verlaub, kein erstklassiger Redner war. Er hatte aber sehr viel Charisma, hatte Humor und konnte über sich selbst und sein eigenes Design lachen. Die Menschen mochten das an ihm.

Panton: Nach diesem Auftritt kam dann auch der Kontakt zum dänischen Trapholt Museum zustande, wo Verner seine letzte selbst konzipierte Ausstellung hatte. Er starb einige Tage vor der Eröffnung. Rina und ich stellten die Ausstellung schließlich fertig. Diese Aufgabe hat mir über den ersten Schock hinweggeholfen. Die Vernissage war ein wunderbarer Abschied von Verner. (Nora Schmidt und Christina Barthelmie/Der Standard/rondo/19/09/2008)

Nora Schmidt ist Designerin und Autorin für Architektur und Design bei "Architonic" in Zürich. Christina Barthelmie erstellte in Zusammenarbeit mit Familie Panton die Inhalte des von "Architonic" konzipierten Referenzportals www.verner-panton.com.

Das Gespräch fand im August 2008 in Basel statt.

  • Marianne und Verner Panton auf ihrem "Two Level Seat".
    foto: panton design, basel

    Marianne und Verner Panton auf ihrem "Two Level Seat".

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