Neue Schuhe für Dorothy

18. September 2008, 17:00
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Fetischobjekte? Oder einfach nur ein Blickfang? Warum rote Schuhe auch in dieser Saison in vielen Kollektionen zu finden sind, und was "Der Zauberer von Oz" damit zu tun hat

In der berühmten Verfilmung von "Der Zauberer von Oz" von 1939 erhält Judy Garland ein Paar rubinroter Pantoffeln. Die Schuhe haben magische Fähigkeiten und sollen das von Garland gespielte Mädchen aus Kansas vor der bösen Hexe aus dem Westen beschützen. In der Romanvorlage von Frank Baum sahen die Pantoffeln noch anders aus: Dort waren sie silbern. Um die neuen filmischen Möglichkeiten von Technicolor auszunützen, griff man bei der Verfilmung zur roten Version.

Das ist natürlich nur der offizielle Teil der Begründung. Der inoffizielle hat mit der besonderen Symbolik roter Schuhe zu tun, damit, dass rote Schuhe in der Welt der Bekleidung eine ähnliche Rolle spielen wie, sagen wir, Champagner in der Welt der Getränke. Sie sind für die prickelnden Gefühle zuständig - gleichermaßen bei ihren Trägern wie bei den Betrachtern. Davon wusste die von Garland gespielte Dorothy nicht viel. Klopfte sie mit dem Stöckel dreimal auf den Boden und wiederholte den Satz "There is no place like home", dann konnte sie nach Hause zurückkehren. Was sie in Kansas mit den roten Schuhen anstellte, ist nicht bekannt.

Sehnsüchte in Realität verwandeln

Wahrscheinlich nicht viel. Aufs Land passen rote Schuhe nicht. Außer sie tragen ihren Träger irgendwo anders hin: an einen Ort, an dem sich Sehnsüchte in Realität verwandeln. Genau davon künden rote Schuhe: von einem Leben in funkelndem Glamour inklusive Schönheit, Macht und ständig verfügbarem Sex. Kein Wunder, dass rote Schuhe Fetischobjekte par excellence sind. Pantoffelträgern ist von gefährlich roten Schuhen eigentlich nur abzuraten.

Das hat auch der moralinsaure Hans Christian Andersen gewusst, der das berühmteste Märchen über rote Schuhe geschrieben hat, das später Grundlage einer anderen Verfilmung wurde, des Ballettstreifens "The Red Shoes" von Michael Powell (1948). Darin begehrt ein "hübsches, aber armes Mädchen" ein Paar roter Schuhe, ähnlich jenen roten Saffianschuhen, die die Prinzessin getragen hat. Als sie welche bekommt und damit ein paar Tanzschritte ausführt, tanzen die Schuhe von allein weiter. Schließlich schlägt ihr der Scharfrichter die Füße mit den Schuhen ab, doch selbst dann tanzen die Schuhe mit den Strümpfen weiter.

Huren und Heilige

Die Moral der Geschichte: Nur wer wirklich in rote Schuhe passt, sollte sie auch tragen. Vielleicht ist das der Grund, warum Prada jene roten Slipper, die der Papst so gerne trägt, noch nicht für den Markt hergestellt hat. Rote Schuhe sind selbst schon Würdenträger, wenngleich mit ziemlich verführerischen Eigenschaften. Sie sind gleichermaßen Huren und Heilige.

Diese Doppelstruktur macht ihren Reiz aus. Auch in dieser Saison geistern wieder einige Exemplare durch die Kollektionen. Viele sind es nicht, doch das wird sich bald ändern. Nächstes Jahr feiert der Film "Der Zauberer von Oz" seinen 70. Geburtstag - was Designern dazu eingefallen ist, das war vergangene Woche bereits im Rahmen der Fashion Week in New York zu sehen. Dort war die "Ruby Slipper Collection" ausgestellt, viele mit Swarovski-Steinen verzierte Neuinterpretationen von Dorothys Schuhen. Für Kansas sind diese wohl weniger geeignet. (hil/Der Standard/rondo/19/09/2008)

  • Prada
    foto: hersteller

    Prada

  • Michalsky
    foto: hersteller

    Michalsky

  • Miu Miu
    foto: hersteller

    Miu Miu

  • Joop!
    foto: hersteller

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  • Michalsky
    foto: hersteller

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