Leichtwerden!

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  • Es herbstelt schon im Aosta-Tal. Auf dem Weg in Richtung Hochsavoyen
werden die Lärchenwälder dann noch einmal lichter, es riecht noch nach
Sommer, und der Weißwein verheißt schon den Süden und das Meer.
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    Es herbstelt schon im Aosta-Tal. Auf dem Weg in Richtung Hochsavoyen werden die Lärchenwälder dann noch einmal lichter, es riecht noch nach Sommer, und der Weißwein verheißt schon den Süden und das Meer.

Schriftsteller Martin Prinz legt auf der Via Alpina in fünf Monaten 2500 Kilometer zu Fuß zurück. Im Aosta-Tal macht sich der Herbst bemerkbar

In der letzten Augustwoche war er plötzlich da, der Herbst. Der Herbst und das Ende der Reise. Nicht unvermutet, denn was kommt schon unvermutet - der Herbst sicher nicht. Während man es anfangs nicht bemerken will, wie ungeniert sich die Nächte bereits in die Tage fressen und das Zelt immer feuchter werden lassen. Umso deutlicher hat man ihn dann in den unerwartetsten Momenten vor Augen. Ich weiß noch, dass ich spät losging an dem Tag, fast zu spät, immerhin war die Strecke von Valgrisenche zum Refuge Archeboc mit knapp sechs Stunden Wegzeit kein bloßer Nachmittagsspaziergang. Aber nur ein schneller Espresso, das wäre selbst dem größten Lebensfeind im Sonnenschein vor der Bar nicht möglich gewesen.

Eineinhalb Stunden später lag Valgrisenche, die letzte Ortschaft der zweisprachigen Autonomie-Region Aosta-Tal bereits gut dreihundert Höhenmeter unter mir. Sonnenhitze atmete mir bei jedem Schritt auf dem sich zwischen Kletterwänden hinaufwindenden Weg entgegen. Und so war das Glas Weißwein schnell verdampft, das ich am Kirchplatz noch getrunken hatte. Genauso aber auch meine Wasservorräte. Sorgen machte ich mir dennoch keine, da ich vor dem Col du Mont (2636 Meter), dem Passübergang nach Frankreich, noch an mehreren Wildbächen vorbeikommen sollte.

Eine Stunde später hatte ich auf den gut mehr als 2000 Meter gelegenen Almen von Arp Vieille bereits zwei Drittel des Tagesanstiegs hinter mir und machte in aller Ruhe eine Rast, da die Route bis zum Col du Mont lediglich noch auf gleichbleibender Höhe die Flanke des Rutor (3486 Meter) umrundete. Ein mit Ausnahme einer kurzen felsigen Stelle und trotz der steil ins Tal von Valgrisenche abfallenden Hänge einfaches Stück.

Gegenüber leuchteten die Gletscher des Grande Rousse (3607 Meter), unter mir blitzte der Stausee blau herauf, ich aß auf einem Stein Trockenwurst mit Brot, Senf und dreijährig-kristallinen Alpkäse und schaute in eine wolkenlose Welt. Keine Spur von den dunklen Wolkenbänken über dem Col du Mont, in deren kühlem Schatten ich mich auf der anderen Seite der Rutor-Flanke schließlich wiederfand. Und schon gar kein Gedanke an den Herbst, eher wieder Weißweinlust.

Bis ich gleich nach der Rast in einer Hangrutschung den Weg in Richtung jenes Fels-Durchlasses verlor, der auf der Karte unübersehbar schien, mit freiem Auge jedoch nicht ausnehmbar war. Und ich mir zudem eingestehen musste, im viel zu lockeren Erd- und Gesteinsmaterial des Steilhangs mit meinem 25 Kilogramm schweren Rucksack, der bergauf weitaus leichter in Balance zu halten war als bergab, eigentlich kaum mehr umdrehen zu können. Die Felswand rückte näher und näher, doch sosehr ich sie auch nach einem gefahrlosen Durchgang absuchte, nichts dergleichen. Auch kein Plan für den Fall, dass ich gleich anstehen könnte. Dafür die immer länger werdende Strecke des bergab führenden Rückwegs, der sich selbst im Aufsteigen mithilfe der Stöcke nur noch auf allen Vieren bewältigen ließ. Nicht einmal stehenbleiben war möglich, viel zu lose war der Hang, als dass ich mich mit dem Rucksack auch nur einen Augenblick halten hätten können, wenn ich auf dem Erdreich einmal ins Rutschen gekommen wäre.

Ob es zehn Minuten waren, die es so ging, oder eine Stunde, hätte ich selbst kurz danach nicht sagen können. Wohl aber, wie wenig sich Schwindel und Konzentration in diesen Augenblicken unterschieden, wie sehr dieses Immerweiter, dieses Immer-weiter-hinauf ihren Halt in der Bewegung selbst weit mehr hatten als unter den Tritt suchenden Schuhsohlen. Kein einziges Mal schaute ich mich dabei um, so als hätte schon die verkehrte Blickrichtung genug Eigengewicht, um mich aus dem Hang fallenzulassen, hinunter in den Stausee.

Stattdessen fiel, mitten im steilsten Stück, die Trinkflasche bei einem unvermutet schnellen Stockeinsatz aus der Seitenhalterung des Rucksacks. Ihrem Fallen sah ich dann nach, als fiele sie ersatzweise für mich, während sie sich in immer höheren Bögen überschlug und bald nur noch flog und vor ihrem Verschwinden beinahe zu schweben schien, ganz leicht, einen Moment lang beneidenswert. Ihren Aufschlag hörte ich nicht, setzte schon wieder den nächsten Tritt, den nächsten und überübernächsten. Bis aus dem Nichts dann doch der Weg wieder auftauchte und mich zu einem Durchlass brachte, der ganz woanders durch die Wand ging, als ich das geglaubt hatte.

Auf der Alm dahinter ging ich bereits im Schatten. An den Herbst dachte ich aber nicht nur aufgrund der Erleichterung keinen Augenblick - sondern auch, da die über dem Col du Mont gestauten Wolken noch nicht als bis ins Taren- taise sich erstreckendes Nebelmeer zu erkennen waren. Als ich eineinhalb Stunden später zum Pass hinaufkam, war das jedoch nicht mehr zu übersehen - und genauso wenig der Herbst.

Auch während der sonnigen Tage danach nicht mehr, obwohl es auf dem Weg nach Süden, vorbei an den Gletschern des Mont Pourri Richtung Hochsavoyen jeden Tag heißer wurde, die Landschaft trockener, die Lärchenwälder immer lichter. Sogar der Weißwein schmeckte nach Hitze und Süden. Am näherrückenden Herbst aber änderte das alles nichts mehr. Nicht am Herbst und noch weniger an der Frage, wohin mich diese Reise wirklich geführt haben wird, wenn Mitte September das Meer vor mir auftaucht. Ob sie womöglich erst beginnt, wenn das Zuhause nicht mehr bloß aus dem besteht, was sich in einem Rucksack tragen lässt. Wie? Ja, wie - vielleicht genau mit dieser Frage. So wie es gegen Ende von Peter Handkes Reisejournal "Gestern unterwegs" heißt: "Leichtwerden! Und wie? Mit den Augen." (Martin Prinz/DER STANDARD/rondo/18.9.2008)

> Der Rucksack - Teil vier

> Im Alpenblog berichtet Martin Prinz von unterwegs.

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2 Postings
War´s das schon?

Na liebes Prinzlein war´s das schon?
Liebe Redaktion: es bleibt bei dem mageren Reisebericht zu hoffen sie bezahlen das Prinzlein nicht all zu gut dafür.
Von einem Reisebericht auf der Via Alpina erwarte ich mir ganz klar mehr!

Fantastisch....

Neid!

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