Die Adria, in Schale geworfen

20. September 2008, 17:00
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Aus dem Po-Delta kommen die besten Vongole und noch ungeahnt schöne Impressionen

Claudio Tomasi erzählt gern von seinen besten Jahren als Bademeister am schnurgeraden Sandstrand von Chioggia. Während der Arbeit hockte er damals in einem hölzernen Turmhäuschen und kontrollierte von dort jede Bewegung im Umfeld der 180 Sonnenschirme seines Strandabschnittes. In den Abendstunden dann, wenn sich der Himmel glühender Sommertage mit dem spiegelglatten Meer und dem flachen Land der venezianischen Adriaküste zu einem Flimmerband verband, umschwirrte er die hübschen Frauen, die ihm unter den Badegästen schon tagsüber aufgefallen waren.

Die Sonne, der heimatliche Sand, das Meer und die intensive Berufsfarbe eines Adria-Bagninos sind Claudio geblieben. Doch inzwischen ist der Mann mit den buschigen Augenbrauen längst in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Und als einer von 120 Muschelzüchtern der Berufsvereinigung "Consortio Delta Nord di Rosolina", hat er sich nun mit Dingen wie Rheumatismus, zugewiesenen Quoten und den räuberischen Konkurrenten herumzuschlagen.

An diesem milden Spätsommertag ist es ruhig in Porto Levante, dem winzigen Hafen weit draußen in den Valli, wie die Einheimischen die labyrinthisch verschlungene Lagunenwelt des Po-Deltas nennen. Es ist kurz vor fünf Uhr morgens. Wie ein abziehendes Gewitter treten die Geräusche der Nacht langsam zurück. Das Trommeln, Hämmern und Trompeten aus tausend Vogelkehlen weicht einem verhaltenen Wispern im unentwegt raschelnden Schilf. Eben leuchtet an der gegenüberliegenden Kanalseite ein fahles, noch kraftloses Morgenlicht auf. Und dort an der Uferböschung ragt eine rostige Wellblechhütte auf: Claudio Tomasis Stützpunkt, wo er die Arbeitsgeräte aufbewahrt und die frischen Vongole - wie die Venusmuscheln aus der Klasse der Schalenweichtiere dort heißen - für den Verkauf sortiert und säubert.

Der 37-Jährige hockt bereits in seinem Motorboot aus Polyester, wo es stark nach Tang und Treibstoff riecht. Unter der Sitzbank hat er einen Stapel roter Plastikkisten und einige blaue Gummischürzen verstaut. Claudio drückt auf den Anlasser, mit monotonem Tuckern verschwindet die Nussschale hinter der Landzunge von Caleri.

Ungeschliffen poetisch

Mehr als 700 Quadratkilometer umfasst diese Landschaft, in der der Mensch die Natur noch nicht gebändigt hat. Als eines der größten Feuchtgebiete Europas wurde das Podelta erst 1996 unter Naturschutz gestellt: ein Paradies der Freizeitkapitäne, Angler und Hobbyornithologen. Für die meisten ausländischen Adriaurlauber ist es noch ein blinder Fleck auf der Landkarte. Die Italiener jedoch lieben das Delta. Albarella und Rosolina Mare, die beiden Vorzeigestrände der Region, wurden vor einiger Zeit mit der "Blauen Flagge" ausgezeichnet, dem begehrten europäischen Gütesiegel für hervorragende Strand- und Wasserqualität. Zur Ferragosto im August, wenn von den Einheimischen keiner mehr einen Finger rührt, kann es dort ganz schön eng werden. Jetzt, "zu Beginn der Muschelsaison", wäre man fast versucht zu sagen (hätten die Vongole im Gegensatz zu Miesmuscheln nicht ohnehin ganzjährig Saison), ist das Po-Delta wieder so verlassen wie Hallen der alten Salinen entlang der Kanäle.

Claudio Tomasi hat inzwischen die Halbinsel von Albarella umrundet und stoppt nun sein Motorboot im flachen Gewässer der Foce del Po di Levante. An einem der Holzpfähle, die vom Salz und der Sonne gebleicht sind und in knappen Abständen mehrere etwa tennisplatzgroße Felder abgrenzen, bindet er den Kahn fest und schon watet er im hüfttiefen Wasser. Die Harke mit dem angebauten, einer durchlöcherten Schuhschachtel ähnelnden Kasten, dient ihm zum Einsammeln der am Meerboden verborgenen Schalentiere. "Jeder schwört auf seine eigene Methode", verrät er, während er schon eine Ladung gelbschwarzer Vongole in eine der bereitgestellten Kisten kippt. "Mit geübten Auge erkennt man sofort, in welchem Zustand die Vongole sich befinden", erklärt Claudio anhand von zwei Exemplaren: Der Schließknorpel - dünn beim einen und geschwollen beim anderen, zeige den Reifegrad der Muscheln an. Je nach Wassertemperatur, den Sonnenstunden und Nährstoffen dauere es ungefähr 8 bis 9 Monate, bis sie ihr optimales Wachstum erreicht haben.

Die Valli-Welt der Vongole

Aber was ist nun das Besondere an den Vongole aus dem Po-Delta? "Sie sind besser als die aus Chioggia oder Venedig", sagt Claudio kurz. "Denn im Delta herrschen die idealen Bedingungen". So ist es wohl tatsächlich - in der amphibischen Welt der Valli vermischt sich das Meerwasser mit dem des Po. Grundwasser und das Süßwasser im Fluss lassen das nahrhafte Plankton prächtig gedeihen.

Die Sonne steht hoch am Himmel, als Claudio auf eine Sandbank hinter den menschenleeren Inseln der Foce del Po di Maistra zusteuert. Mit einem Plastikkübel und einer Schaufel bewaffnet, schwingt er sich über die Bootskante. Er scheint sich zu ärgern, denn über Nacht, so stellt sich heraus, wären hier Fremde gewesen. "Die Vongolezüchter aus Venedig oder Chioggia, die unsere frische Aussaat plündern!", schnaubt Claudio, sobald er wieder im schwankenden Motorboot sitzt. Die Samen zur Aufzucht der Vongole könne man nämlich weder züchten, noch kaufen. "Man muss sie in der Lagune suchen wie die Pilze im Wald", erklärt der Vongoleprofi und macht dabei mit der Hand eine vage Bewegung in Richtung Horizont. Denn Genaueres wird nicht verraten. Nur so viel, dass jeder Züchter seine eigenen Geheimplätze hat - Verstecke, die man in den Familien hütet, und die von einer Generation an die nächste vererbt werden.

An der Engstelle, wo landeinwärts die schilfbestandenen Kanäle abzweigen, treffen gerade mehrere Motorboote zusammen. Hier kennt man sich, ein stummes Kopfnicken, ein anerkennender Blick auf die in den Kisten verstaute Beute. 45 Kilogramm zeigt die Waage heute für Claudio an. Er ist mit der Ausbeute zufrieden. Und während er sich eine Zigarette anzündet, macht sich schon ein Pulk lärmender Lachmöven über die Reste her. (Helmut Luther/DER STANDARD/Printausgabe/13./14.9.2008)

Die Insel Albarella ist Privat-(Hotel)-Insel und verfügt über mehrere Unterkünfte (auch Villen und Ferienhäuser). Als Stützpunkt zur Erkundung des Po-Deltas ist sie gut geeignet, in den zehn Restaurants und Gaststätten weiß man die Vongole freilich zuzubereitet.

Informationen:
www.parcodeltapo.it
www.albarella.it

  • Garantiert saubere Strände, hervorragende Wasserqualität und intakte Traditionen der Fischer am Rande des Naturschutzgebiets - klingt das nach oberer Adria?
    foto: parco del delta del po

    Garantiert saubere Strände, hervorragende Wasserqualität und intakte Traditionen der Fischer am Rande des Naturschutzgebiets - klingt das nach oberer Adria?

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