Tagträumer

11. September 2008, 17:00
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Tagträumer sind Künstler und Schöpfer - Oder: Abends war Traummännleinzeit, wenn sich die Bürger zum Schlaf rüsten

+++Pro
Von David Krutzler

Tagträumer sind gesündere Menschen, weil sie etwas tun, wenn eigentlich nichts zu tun ist - oder eigentlich ganz etwas anderes, sicher Ungesünderes, zu tun wäre. Tagträumer sind Künstler und Schöpfer, sie erschaffen mannigfaltige Welten nur mit Gedankenkraft. Und da ist es ganz gleich, ob sie mit einem Traktor durch die Landschaft pflügen, mit Presslufthämmern Asphaltböden bearbeiten, Erdnüsse während einer Vorlesung im Hörsaal knacken oder vom Schreibtisch aus einfach einen Blick in den wolkenverhangenen Himmel wagen. Diese Fantasien sind herausfordernd, selten lässt sich ein Tagtraum des Nachts zu Ende träumen. Zermürbend sind sie nur, wenn die Aussichtslosigkeit dahinter quasi haptisch wird. Etwa in Form einer Akustikgitarre, die seit sechs Jahren im Kleiderkasten vor sich hin modert. Bespielt wird sie nur im Kopf. Wie oft man da schon als schweinerockende Rampensau auf der Bühne gestanden ist! Glücklicherweise soll man(n), statistisch gesehen, auch siebenmal pro Minute an Sex denken. Nachzuzählen getraut sich aber keiner.

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Contra---
Von Christoph Winder

Vierzig Jahre lang hieß es im ORF: "Das Traummännlein kommt." Das ist erstaunlich lange, aber uns interessiert hier weniger die Charakterstruktur dieses Männleins mit seinem an Hartnäckigkeit grenzenden Ausdauerwillen, der diese Leistung erst möglich gemacht hat. Nein, uns interessiert, zu welcher Uhrzeit das Männlein die Hörer zum Träumen animierte. Kreuzte es am Morgen auf? Mitnichten. Am Vormittag? Keineswegs. Zu Mittag? Niemals. Nein, abends war Traummännleinzeit, dann, wenn sich die Bürger zum Schlaf rüsten, der ja das optimale Substrat fürs Träumen ist. Die ORF-Programmplaner hatten sich etwas dabei gedacht, als sie sich entschlossen, das Traummännlein nicht schon untertags auf die Erwerbsbevölkerung loszulassen. Möchten wir es mit einem Kollektiv von Taxifahrern in Trance zu tun haben, mit entrückten Unfallchirurgen und Gasthauskellnern, die uns verträumt den Wein auf die Braten schütten? Alles hat seine Zeit. Geträumt wird, wenn die Sonne unter- und der Mond aufgegangen ist. In diesem Sinne: Gute Nacht und süße Träume. (Der Standard/rondo/12/09/2008)

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    Diese Fantasien sind herausfordernd, selten lässt sich ein Tagtraum des Nachts zu Ende träumen.

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