Männchen machen

13. September 2008, 17:00
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Im Herbst locken diverse Kunstmessen nach London. Doch Kunst lässt sich auch an Orten entdecken, an denen man sie nicht erwartet

Zum Frühstück natürlich Toast. Zwei Gabellängen vom Tisch entfernt hängt an der Wand noch mehr davon. Genauer gesagt 192 Stück, schwarz angebrannt und hinter eine Glasscheibe gebannt. Ergo: Kunst. Eine Tracy Davidson hat ihre ärmliche Kindheit versinnbildlicht, die gleichförmig angeordneten Brotscheiben erinnern auch an den Ausblick durch Gitterstäbe - ihr Vater saß im Gefängnis.

Der Frühstücksraum ist beileibe nicht der einzige Ort im Londoner Hotel "One Aldwych", in dem der aufmerksame Gast auf zeitgenössische Kunst stößt. Das gesamte Haus ist voll damit, 350 Kunstwerke hat der Inhaber Gordon Campbell Gray zusammengetragen. Einzig sein Geschmack war entscheidend, nicht die Namen der Künstler. Kein Zimmer soll aussehen wie das andere, soll kein "cookie cutter" sein, wie die Engländer sagen. Die Lobby Bar jedenfalls, hoch wie eine Halle, tut ihr Bestes, um diesem Motto gerecht zu werden: In Sichtweite wacht ein lebensecht großer Pappmachee-Hund, dem die junge Südlondonerin Justine Smith bunte Comicschnipsel auf den Leib geklebt hat. Und zwischen Polstersesseln, auf denen abends elegant gekleidete Londoner Cocktails trinken, sitzt im Holzboot ein "Bootsmann mit Ruder", streckt die überlangen grünen Ruder in die Höhe. André Wallaces Werk war einst eine Leihgabe für drei Monate, dann bat das Aldwych um weitere drei Monate. Schließlich meinte der Bildhauer: "Jetzt hat das Werk seinen Platz gefunden."

Ob im Hotelschwimmbad, das neuerdings ohne Chlor, dafür mit ionischen Mineralien gereinigt wird, oder auf dem Zimmersafe: Nirgendwo entkommt der Gast Ölgemälden, Skizzen, Steinskulpturen. Ein guter Ort also, um sich in London auf die Kunst einzustimmen. Der wahre Kunstinteressierte verlässt natürlich das Hotelgebäude, dessen Spitze wie ein Schiffsbug in die Straße ragt. Auf vier Spuren brandet der Verkehr, rote Busse, schwarze, silberne, beigefarbene Cabs. Im etablierten Stadtteil Covent Garden in die "tube" gestiegen, raus in den wenig gentrifizierten Osten der Stadt. Dort markiert die "tube"-Station Liverpool Street das Ende des Geld-Londons, wuchtig-hohe Glasgebäude des Finanzzentrums haben sich ins Viertel geschoben, in dem sich flache Backsteingebäude an schmale Straßen schmiegen. Graffiti, unter anderem vom Starsprayer Banksy, bedecken wie Pflaster die roten und grauen Wände. Beim "Light Building", einem ehemaligen E-Werk aus dem Jahr 1893, hoffen die Anrainer, dieses vor dem Abriss zu bewahren: Für Olympia 2012 muss eine neue Bahnstrecke gebaut werden, manch Haus steht da im Weg. Hier treffen die Viertel Shoreditch, Hoxton und Hackney aufeinander, hier warten junge Künstler auf ihre Entdeckung. Mit dem Stadtplan des "First Thurdays" in der Hand navigiert es sich gut durchs künstlerische East End. Einmal im Monat laden 100 Galerien ein, sich bei Bier und Musik der Kunst zu widmen, die Cityslicker-Variante der Vernissage.

Der Herbst ist in London ein guter Zeitpunkt für die Kunst, Messen wie die Frieze Art Fair (16.-19.10.) oder The Affordable Art Fair (23.-26.10.) locken, auf Letzterer kosten die Werke maximal 2000 Pfund. Dann wird auch die Saatchi Gallery an neuem Standort in Chelsea wiedereröffnet haben und erstmals für ihre Künstler, die bislang nur in der Saatchi Online-Gallery ausstellen, einen Verkaufsraum bieten. Mitunter liegt die Kunst aber auch auf der Straße. Ein Mittzwanziger mit dem Künstlernamen Slinkachu stellt in ganz London und bevorzugt in Shoreditch auf Gehwegen und Mauervorsprüngen, in Gossen und unter Brücken Modelleisenbahnfiguren zu witzigen Szenerien zusammen: Klebt etwa ein grünes Zelt mitten auf die Fahrbahn, lässt einen Mini-Mann mit rotem Rucksack davonspazieren, als gehe er auf einer Erkundungstour durchs Viertel.

Weil Slinkachu um die Vergänglichkeit seiner Werke weiß, hält er sie auf Fotos fest (soeben als Buch herausgekommen, little-people.blogspot.com). Das Motto der urbanen Kleine-Leute-Kunst bezeichnet Slinkachu so: "Ausgesetzt in London, um sich allein durchzuschlagen." Besser lässt sich die Anforderung an auf Entdeckung wartende Künstler im turbokapitalistischen London kaum beschreiben. (Mareike Müller/DER STANDARD/Rondo/12.09.2008)

Informationen:

Slinkachus little-people.blogspot.com

Kunsthotel "One Aldwych"

Geführte Touren durch East-End-Galerien:
urbangentry.com

Restaurant mit Wechselausstellungen junger Künstler:
thewappingproject.com

Stadtplan mit East-End-Galerien: firstthursdays.co.uk

  • Kunst fern der Museen liegt in London auf der Straße, wie die "Little People" von Slinkachu
    foto: slinkachu

    Kunst fern der Museen liegt in London auf der Straße, wie die "Little People" von Slinkachu

  • Oder steht an schönen Orten, wie die Ruderskulptur im Hotel One Aldwych.
    foto: one aldwych

    Oder steht an schönen Orten, wie die Ruderskulptur im Hotel One Aldwych.

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