Himmel voller Feigen

11. September 2008, 10:01
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Feigen aus Wien? Aber ja doch! In Simmering werden unter Glas 25 Sorten biologisch kultiviert - jetzt haben sie Hochsaison

Harald Thiesz lässt die Gartenschere um den Finger kreisen wie Terence Hill seinen Revolver, bevor er sie in den Hosensack steckt. Mit der frisch vom Baum gepflückten Feige in seiner Hand geht er behutsamer um. Thiesz steht in einem alten Glashaus im elften Bezirk, umgeben von mannshohen Feigenbäumen. Das Grundstück liegt etwas versteckt zwischen anderen Gemüsegärtnereien. Hier hat Thiesz, eigentlich Berufsschullehrer, gemeinsam mit seiner Partnerin Ursula Kujal, einer Gartenarchitektin, vor zwei Jahren den Bio-Feigenhof gegründet. Für das Glashaus, das auf ihrem Pachtgrund leer stand, hatten die zwei eine gewagte Idee: Feigenbäume wollten sie pflanzen. Warum gerade die empfindlichen Südländer? Thiesz: "Es gibt in Wien kaum gute Feigen, denn die Qualität leidet während des Transports. Wir aber können diese Qualität anbieten, weil wir reif ernten und noch dazu biologisch produzieren." Zum Beweis bricht er eine saftige Feige der violetten Sorte Pastilière zum Kosten auseinander. 25 Sorten sind derzeit im Ertrag, die erste Ernte vergangenes Jahr fiel bescheiden aus. Heuer steht die Kundschaft noch etwas ratlos vor vielen Kisten mit auf ihren Blättern gebetteten Feigen von winzig klein bis riesengroß, von neongrün bis dunkelviolett, von rund bis länglich und von ideal gereift bis ein paar Tage lagerfähig.

11.400 Jahre alte Feigen

Der Feigenbaum gilt als vermutlich älteste Kulturpflanze der Welt, seit vor kurzem 11.400 Jahre alte Feigen im Jordantal gefunden wurden, die eindeutig durch Ackerbau entstanden sind. Meist kommen Feigen aus der Türkei, dem Iran und aus Griechenland, im Norden, in Großbritannien, haben Feigen aus dem Glashaus schon lange Tradition. In Österreich sind Thiesz und Kujal die Einzigen, die Feigen unter Glas und in dieser Menge anbauen. Thiesz, der hauptberuflich an der Berufsschule für Gartenbau und Floristik in Kagran unterrichtet, vermehrt die Bäume selbst.

Die ersten Pflanzen kamen aus der Schweiz, aus Italien, aber auch aus Österreich, England und Frankreich. Zwar wird es im - unbeheizten - Simmeringer Glashaus im Winter genauso kalt wird wie im Freien, doch den Feigen ist etwas anderes viel wichtiger: dass sie im Glashaus vor dem Wind geschützt sind. Im Gegenzug bleibt der Ertrag begrenzt, weil die Bäume nicht wie im Freien bis zu zehn Meter hoch wachsen können. Thiesz' Sorten tragen von Ende Juni bis Ende Oktober immer reife Feigen. Und obwohl er nicht sicher war, ob der Bio-Anbau bei den Feigen funktionieren würde, gab es für ihn keine Alternative: "Ich habe zehn Jahre im Intensivgemüseanbau gearbeitet."

Feigen tragen in warmen Gegenden bis zu drei Mal pro Jahr - die Sommerfeigen legt die Pflanze schon im Winter davor an. Die Herbstfeigen, die Thiesz für die geschmacklich besten hält, sind ab jetzt zu haben. Für Winterfeigen ist es in Österreich zu kalt. Der Gärtner mit dem rotblonden Haaren drückt eine noch am Baum hängende Feige vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger und erklärt: "Reife Früchte sind weich und lassen ihre Stiele leicht vom Ast." Das darf die Kundschaft am Feigenhof auch gerne ausprobieren, selbst ernten ist ausdrücklich erlaubt. Ist die Feige geerntet, will sie je nach Zustand noch auf der Stelle verspeist werden oder darf - behutsam transportiert - höchstens zwei, drei Tage im Kühlschrank verbringen.

Honigartiger Sirup

Am besten sind jene Feigen, an deren Spitze (die eigentlich das untere Ende ist) ein Tropfen honigartiger Sirup austritt. Feigenneulinge haben die Tendenz, aus Sicherheit zu den festeren Exemplaren zu greifen, aber wer einmal von den nicht ganz so makellosen, sehr weichen und fragilen Früchten probiert hat, isst sich schnell in einen Feigenrausch. Da ist es dann egal, ob es sich um die kleine lila Sultane, die saftige Pastilière oder die längliche, grünschalige Longue d'Août handelt. Thiesz freut sich übrigens schon auf die Brogiotto Nero, eine spät reifende, besonders intensive Sorte. Auf eine Lieblingsfeige lässt er sich aber nicht festlegen, denn: "Ich kenne ja die 25 neuen Sorten, die in den nächsten Jahren Früchte tragen werden, noch nicht."

Nun bricht er den Stiel der violetten Pastilière-Feige in seiner Hand großzügig ab, schälen braucht man seine Bio-Feigen nicht. Oben am Stiel sind die wenigsten Geschmacksstoffe zu finden, am besten schmeckt das untere Ende der Frucht, wo sie am süßesten ist, ihr Aroma am stärksten ausgeprägt. Rohe Feigen schmecken pur als Energie- und Freudenspenderinnen, in Salaten, mit Rohschinken oder zu Käse. Sie gehören in viele mediterrane und orientalische Gerichte. Aus sehr reifen Früchten lassen sich Chutneys, Feigensenf und Marmeladen einkochen, was Ursula Thiesz um diese Jahreszeit fast jeden Sonntag macht. Auf dem Hof mit der malerischen Adresse "Am Himmelreich" gibt es außer Feigen hundert verschiedene Topf- und Schnittkräuter (französischer Estragon! Pinien-Rosmarin! Schokoladenminze!), Paradeiser-, Kürbis- und Chili-Sorten und Raritäten wie nach Mais schmeckenden, knackigen Malabarspinat oder frisch gepflückte Kapstachelbeeren. Wer hier ein bisschen Zeit verbringt, braucht große Einkaufstaschen. Und auch wenn darin die zwei indischen Laufenten aus dem Glashaus Platz finden würden: Die sind unverkäuflich. (Katharina Seiser/Der Standard/rondo/05/09/2008)

Bio-Feigenhof

Harald Thiesz & Ursula Kujal, Am Himmelreich 325, 1110 Wien, Tel. 01/3187074, www.feigenhof.at.

Von April bis November Hofverkauf jeden Samstag von 10 bis 17 Uhr, ein Kilo Feigen (je nach Sorte zehn bis 20 Stück) kostet zehn Euro. Gekocht wird auch auf dem Feigenhof, die nächsten Kurse: 18.9. "Orientalische Verführung", 2.10. "Mediterranes Kochen mit Feigen".

  • Feine Früchtchen: Jetzt haben die Erzeugnisse des Bio-Feigenhofs Simmering Saison.
    foto: heribert corn

    Feine Früchtchen: Jetzt haben die Erzeugnisse des Bio-Feigenhofs Simmering Saison.

  • Harald Thiesz und Ursula Kujal kultivieren landesweit...
    foto: heribert corn

    Harald Thiesz und Ursula Kujal kultivieren landesweit...

  • ...als Einzige derartige Feigenvielfalt unter Glas.
    foto: heribert corn

    ...als Einzige derartige Feigenvielfalt unter Glas.

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