Exoten mit Tick

9. September 2008, 08:50
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Kleine Manufakturen, hochwertigeste Materialien, geringe Stückzahlen: Die Uhren der Hersteller sind Geheimtipps auf dem Markt, der zunehmend von Qualität beherrscht wird

Traumhaft ist es, als Uhrenmarke Rolex zu heißen. Den Namen kennt heute jedes Kind. Über mangelnde Bekanntheit können sich Cartier, Omega, Swatch oder TAG Heuer gleichfalls nicht beklagen.

Aber wer kann andererseits schon etwas mit Vincent Bérard, de Bethune, Dimier, Jean Dunand oder die "Maîtres du Temps" anfangen. Sie und zahlreiche andere beschäftigen sich ebenso mit Armbanduhren. Von Stückzahlen jenseits einer halben Million Exemplare per annum sind sie Lichtjahre entfernt. Selbst das Tausend betrachten die Genannten als erstrebenswerte Zukunftsperspektive. Und vom 25-Meter-Effekt können sie nur träumen. Will heißen: Ihre Uhren lassen sich aus der Ferne nicht einwandfrei identifizieren. Selbst uhrenkundige Tischnachbarn werden fragen, was denn da am Handgelenk tickt? Und dann heißt es erklären ... sofern man Bescheid weiß.

Mini-Stückzahlen

Hier eine Reihe von Uhren abseits vom Mainstreams: Sie sind uhrmacherisch ungewöhnlich und kosten daher auch ihren Preis.


Vincent Bérard versteht sich als Künstler und Uhrmacher in einer Person. Seine Ateliers am Waldrand der Schweizer Jurametropole La Chaux-de-Fonds sind definitiv auf Mini-Stückzahlen ausgelegt. Dafür fertigen der umfassend engagierte Ästhet und sein Uhrmacherteam sogar die goldenen Zifferblätter und die daran befestigten Indexe selbst. Sein tickendes Armband-Erstlingswerk mit Wochentags- und Mondphasenanzeige fürs Handgelenk trägt den Namen "Luvorene 1". Zehn Tage Gangautonomie machen die Krone fast entbehrlich. Deshalb befindet sie sich auf der linken Seite des Goldgehäuses. Bei der "3" schwingt die eigene Unruh samt ihrer Breguetspirale. Vincent Bérard ist von der Qualität seines Schaffens so überzeugt, dass er für seine Uhren fünf Jahre Garantie gewährt.


Hinter der Marke de Bethune stehen der rund 60-jährige Italiener David Zanetta und der etwa 15 Jahre jüngere Uhrmacher Denis Flageollet. Infolge seiner Vergangenheit ist das Duo mit allen Uhr-Wassern gewaschen. In seinen Werkstätten wird für die 503 Uhren in 2008 und die ausschließlich eigenen Kaliber nahezu alles individuell gefertigt.

Das innovative DB24 Vetrois mit sieben Tagen Gangautonomie findet sich in der "Big Power Super Sport". Mithilfe eines dreistufigen Getriebes lässt sich die Aufzugsleistung der Automatik den jeweiligen Aktivitäten anpassen. Bei der Stellung "H" (high, Sport) wird das erforderliche Drehmoment gegenüber "N" (Normal) um 20 Prozent erhöht, in "L" (low, Schreibtisch) hingegen um zwanzig Prozent reduziert.

Automatik-Tourbillon

Pascal Raffy kennt jeden seiner gut 70 Mitarbeiter mit Vor- und Nachnamen. Und das, obwohl ihm, wie er betont, gar nichts von der Uhrenmanufaktur Dimier in Tramelan gehört. Die drei Töchter besitzen alles. Mit dem Kauf der STT (Swiss Time Technology) Holding im Juni 2006 übernahm er ein schlecht geführtes Firmenkonglomerat. Er krempelte alles um und fertigt nun unter der Signatur Dimier, einem Namen, der bereits seit 1738 existiert, hochwertige Uhren. Dazu gehört das neue, weißgoldene "Recital 3 Orbis Mundi", ein auf 50 Exemplare limitiertes Automatik-Tourbillon mit sieben Tagen Gangautonomie, Gangreserveanzeige und Zeitzonen-Dispositiv.

Das Modell "Shabaka" erinnert an den ersten König von Ägypten. Es stammt von Jean Dunand, einer kleinen aber feinen Marke im Eigentum von Thierry Oulevay und Christophe Claret samt ihrer World Première Watchmaking S.A. Diese Armbanduhr vereint zwei interessante Komplikationen: Minutenschlagwerk auf zwei Kathedral-Tonfedern und ewiges Kalendarium.

"Chapter One"

Letzteres arbeitet mit vier bedruckten Walzen. Zwei gelten dem Datum, die übrigen dem Wochentag und dem Monat. Ihr Antrieb erfolgt mithilfe von Umlenk-Getrieben mit einem ausgeklügelten Sicherheitssystem, das die präzise Fortschaltung pünktlich um Mitternacht gewährleistet. Damit das Ganze nicht zu groß wird, sind die Trommeln ins Handaufzugskaliber CLA88 (721 Komponenten) integriert.


Die Idee zu den Maîtres du Temps, also den Zeitmeistern, stammt vom amerikanischen Uhrenfreak Steven Holtzman. Für sein erstes Kapitel, das "Chapter One", holte er sich drei anerkannte Meister-Uhrmacher ins Boot: Christophe Claret, Roger Dubuis und Peter Speake- Marin. Das Trio konstruierte einen komplexen rechteckigen Zeitmesser, dessen Uhrwerk aus insgesamt 558 Komponenten besteht.

Neben Tourbillon, einem-Drücker-Chronografen und retrograden Indikationen für das Datum und die 24 Stunden eines Tages verfügt es über zwei Trommeln, welche zwischen den Bandanstößen rotieren. Die untere stellt die Wochentage, die obere die Mondphasen dar. Nach manuellem Vollaufzug geht das Uhrwerk sechzig Stunden am Stück. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/05/09/2008)

  • Recital 3 Orbis Mundi von Dimier
    foto: hersteller

    Recital 3 Orbis Mundi von Dimier

  • Maîtres du Temps
    foto: hersteller

    Maîtres du Temps

  • Big Power Super Sport von De Bethune
    foto: hersteller

    Big Power Super Sport von De Bethune

  • Luvorene 1 von Vincent Bérard
    foto: hersteller

    Luvorene 1 von Vincent Bérard

  • Shabaka von Jean Dunand
    foto: hersteller

    Shabaka von Jean Dunand

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