Pech nicht leugnen

5. September 2008, 12:02
posten

"Hast du dich schon einmal gefragt, was dir diese Krankheit sagen will?"

Leslie hatte die Gürtelrose und saß vor dem dritten Glas Rotwein im "Holland". "Hast du dich schon einmal gefragt, was dir diese Krankheit sagen will?", fragte Yvonne. "Vielleicht hast du sie dir ja ausgesucht, weil du etwas für dein Leben lernen willst..." Leslie war zu entkräftet um zu kontern. Nicht so Zora: "Yvonne Häschen, da liegst du ganz richtig. Leslie hat die längste Zeit schon die kosmische Ordnung um eine Gürtelrose angebettelt. Genauso wie die Schwarzen sich nach der Apartheid sehnten, die Frauen nach dem Patriarchat und die Iraker nach dem Irakkrieg, so wollte sie nichts anderes als diese hübsche Hautkrankheit."

Yvonne suchte Leslies Blick, doch die senkte die Augen und faltete Papierservietten zu Kampfhubschraubern. "Aber manchmal ist das Schicksal leichter zu ertragen, wenn man ihm Sinn gibt", versuchte es Yvonne noch einmal.

"Schicksal? Sinn? Diese Wörter hast du wohl auch von diesen Gegenaufklärern gelernt, die dir schillernd das Paradies versprechen, aber nichts als zynisch sind, weil sie so tun, als ob die Menschen, die leiden, selbst daran schuld seien. Dabei sind zu 90 Prozent die anderen schuld. Oder höchstens so Dinge wie Hurrikans." Zora war überzeugt, dass Esoteriker nichts anderes waren als verkleidete Herolde der Konterrevolution.

Leslie erzählte, dass sie gehört hatte, dass wegen all der Esoterik die meisten Krebskranken mittlerweile glaubten, es hätte irgendeinen Grund, dass sie Krebs bekommen hatten, und sich dafür schämten. "Es ist viel leichter, an eine übergeordnete Bedeutung zu glauben als an den Zufall", sagte sie. "Aber so zu tun, als hätten sie das Unheil gesucht, ist doppelt gemein gegenüber jenen, die Pech haben."

Leslie steckte Yvonne die Kampfhubschrauber ins Dekolletee. "Wir können nicht wissen, ob etwas einen tieferen Sinn hat. Aber wenn wir an ihn glauben, dann stellt das unsere Vernunft infrage." Yvonne ließ den Hubschrauber kreisen. "Und Missis Lebensfreude, das lassen wir nicht zu. Denn vernünftig sein, hat uns immer sehr befriedigt." (Adelheid Wölf/Der Standard/rondo/05/09/2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dabei sind zu 90 Prozent die anderen schuld. Oder höchstens so Dinge wie Hurrikans.

Share if you care.