Alle Vöglein sind schon da

30. August 2008, 17:00
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Dem Klang der Natur zu lauschen bleibt Christian Schachinger verwehrt - Sein Garten wird von Mischmaschinen, Mopeds und John Deere umtost

Jetzt ist der Zwetschgenbaum weg. Nicht der mit den Zwetschgen oben, der abgestorbene. Die Husqvarna vom Nachbarn leistet weiterhin gute Dienste. Und sie jault auch nicht lauter als die Mopeds der Dorfjugend auf ihrem Weg zu einem der gefühlten 4711 im August in der Umgebung stattfindenden Feuerwehrfeste, zu Autoweihen, Traktor-Pullings oder Sangria-im-nassen-T-Shirt-Saufings.

Folgendes weiß ich dank meiner Arbeit mit der Husqvarna, also dank hilfsbereiter Landbewohner, die mir detailverliebt Unfälle mit Motorsägen im Familienkreis nacherzählen: Die nächste Notaufnahme ist nur 21 Kilometer entfernt! Die Dorfjugend auf ihren auffrisierten KTM-Saugern und ich an der Husqvarna können also beruhigt sein. Falls der St.-Christophorus-Hubschrauber gerade frei ist, liegt statistisch gesehen alles im Bereich des Rettbaren.

Spätsommer ist nicht nur Erntezeit. Man dankt es sich hier im Waldviertel wegen der im September einsetzenden Winterstürme fest feiernd auch schon vorzeitig. Man dankt mit erhöhtem Lärmaufkommen.

Wenn nicht gerade die Mähdrescher der Nebenerwerbsbauern am Garten vorbeibrettern, die als gesellschaftliches Must geltenden Aufsitzmäher der zugezogenen Wiener in die Mittagsruhe hineinquengeln, der Bauer gegenüber für den Bau seines neuen Stalls ab sechs in der Früh eine Armada von Betonmischer-Lkws auffahren lässt oder ein Katastrophenschutz-Sirenentest das Blut in den Adern gefrieren lässt, kann man sich als letzte geografische Fluchtrichtung immer noch nach Westen wenden.

Selten hässlicher Rohbau

Dort, wo bis gestern der Zwetschgenbaum die Sicht verstellte, hört man jetzt nicht nur den halben Tag lokalpatriotische Kofferradiomusik plärren. Man kann jetzt leider auch drei dicken schnauzbärtigen Brüdern dabei zusehen, wie sie zwischen Bier- und Zigarettenpausen die Ziegelsteine ihres zukünftigen Wochenendhauses solange herzen und kosen, bis diese sich freiwillig in das Ensemble eines selten hässlichen Rohbaus fügen. Das wird noch dauern, bis dort jemand die Blumenkisten vors Schmiedeeisen-geschützte Fenster hängt. Davor werde ich das Gesamtwerk von Andy Borg kennenlernen müssen. Und ich werde schnell wachsende Fliederbüsche pflanzen.

Was ich daraus lerne: Weder konnte ich diesen Sommer in meinem Garten jemals in Ruhe sitzen und daran denken, dass das Leben zum Beispiel schön ist. Was es ja zweifelsfrei sein könnte. Noch konnte ich mich jemals zurücklehnen und einfach nur der Natur lauschen. Außer einem jüngst auf einen Apfelbaum klopfenden Specht habe ich im Lärm noch keinen einzigen Singvogel gehört, und ich habe noch keine einzige Kuh glücklich muhen gesehen. Kein Bauer hier lässt die Tiere auf die Wiese, lieber bringt man die Wiese in den EU-Freilaufstall. Dort kann man sie zu jeder Tageszeit elendiglich klagen hören. Eigentlich ist es in der Stadt auch nicht lauter als im Garten.

Wenn nicht am Abend beim Bauern um neun das Licht verlöschen und der Wind der Trauerweide ein von Tschechien kommendes Lied erzählen, die Grille herzig zirpen, der rauschende Bach fröhlich glucksen oder gegen vier Uhr morgens ein eiliger Hahn den neuen Tag loben würde, man könnte schlichtweg verzweifeln. Alle Vöglein sind schon da?! Ja, sie kamen auf einem John Deere 7030 Premium geritten. (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/29/08/2008)

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    Eigentlich ist es in der Stadt auch nicht lauter als im Garten.

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