Roman mit Klingelton

1. September 2008, 10:53
posten

Telefonieren mit dem Handy? Interessiert in Japan weniger - Lieber nutzt die Handybegeisterte Nation das Gerät zum Lesen und Schreiben trashiger Literatur, besonders im Zug

Das Quietschen der Stahlräder auf den Schienen kreischt durch die geschlossenen Fenster, als sich die U-Bahn kurz vor Shiodome, einem der Business-Bezirke Tokios, in die Kurve legt. Zwei Männer in schwarzem Anzug mit Krawatte halten ihre Augen geschlossen, den Kopf aufrecht, die Aktentasche auf den Knien. Jeden Moment erwartet man, das Ruckeln des Zugs würde ihre Körper nicht nur hin und her wiegen, sondern ganz zur Seite kippen lassen. Japaner halten gern ein Nickerchen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Mami Kitano ist dazu jetzt viel zu aufgeregt, sie quiekt förmlich vor Begeisterung, als sie ihr Handy piepen hört. Die 22-jährige Germanistikstudentin, Jeans-Hot-Pants, rosa Kniestrümpfe, schwarze High-Heels, weißes Schlabber-Shirt und rote Strähnchen im schwarzen langen Haar, ist auf dem Weg zur Uni und hat mit ihren 1,53 Meter Mühe, die Halteschlaufe von der Decke zu umgreifen. Mit dem Daumen ihrer freien Hand schnipst sie die Klappe ihres weißen Handys auf. Ein paar Tasten gedrückt, dann liest sie: keine SMS, sondern ein Buch. Soeben hat sie der Piepton daran erinnert, dass ein neues Kapitel angekommen ist.

Massenphänomen

Wer in Japan mitreden will, sollte sie kennen: Handy-Romane. Jene Texthäppchen, die via Display bequem zwischen ein paar Haltestellen verschlungen werden können. "Das ist zwar keine große Literatur, aber vielleicht gerade deshalb so erfolgreich", kichert Mami, die ein Fan der Handy-Romane, der "Keitai shosetsu", ist. "Ich kann sie lesen, wann und wo ich will", ergänzt sie, "denn anders als Bücher habe ich mein Handy immer bei mir." Das ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis der in Japan mittlerweile zum Massenphänomen avancierten Buchgattung. Inzwischen startet von zehn Top-Bestsellern auf dem japanischen Büchermarkt gut die Hälfte als Handy-Roman. Pro Titel gehen im Schnitt 400.000 Exemplare über die virtuelle Ladentheke. Meist sind die Autoren Newcomer, die ihr Werk nicht selten dort erdacht und getippt haben, wo es andere lesen: in der U-Bahn.

Der Untergrund scheint denn auch ein beliebter Handlungsstrang zu sein, gern spielen die Geschichten im Rotlichtmilieu. Häufiger Plot: Schülerin trifft sich nach der Schule mit Männern, um sich ihr Taschengeld aufzubessern. Doch auch Horror- oder Mystery-Geschichten verkaufen sich ganz ordentlich. Grenzen sind lediglich dem Schreibstil gesetzt: Handy-Roman-Autoren haben nur die wenigen Zeichen auf dem Display, um den Plot zu beschreiben. Das zwingt zu kurzen, einfachen Sätzen. Dialoge werden vermieden oder bestehen bestenfalls aus knappen Sätzen.

Dass in Japan Handy-Romane so gut laufen, liegt auch daran, dass die Japaner eine Handy-verrückte Nation sind: Gut 80 Prozent aller Einwohner haben mindestens eines, in der Regel mit integriertem Internetzugang.

Doch Japaner nutzen ihr Keitai weniger zum Telefonieren, sie smsen mehr. Allein schon, weil es in der streng reglementierten Gesellschaft als unhöflich gilt, öffentlich laut zu telefonieren; Schilder in der U-Bahn weisen darauf hin, am Keitai den Lautlosmodus zu aktivieren. Man ist gewohnt, das Mobiltelefon mehr als Lese- denn als Sprechinstrument zu nutzen. Und anders als bei uns gibt es in Japan schon seit Jahren Modelle mit großen Ablesefenstern. Wie selbstverständlich nutzen Japaner ihr Keitai auch zum Fernsehen oder virtuellen Shopping: 2006 wurden über das Keitai bereits Waren im Wert von ungerechnet 1,6 Milliarden Euro umgesetzt, Tendenz steigend.

Literaturpreis für Handy-Romane

Auf den entsprechenden Websites lädt man sich Literatur aufs Handy, Kostenpunkt: zwischen ein und zehn Euro pro Buch. In den nächsten Jahren erhoffen japanische Verlage gut 100 Millionen Euro Umsatz, investieren fleißig in Newcomer und Technik. Der erste Literaturpreis für Handy-Romane wurde auch schon ausgelobt, der mit 5000 Euro dotierte Preis ging an eine Autorin mit dem Pseudonym Towa, die mit "Kurianesu" eine dieser typischen Geschichten schrieb: über die Liebe zwischen einer Schulmädchen-Prostituierten und einem Gigolo.

Im deutschsprachigen Raum haben Handy-Romane derweil noch nicht richtig Fuß fassen können, auch wenn es sie schon gibt, wie den Band "Lucy Luder und der Mord im studiVZ". Er erschien im Juli 2008 als einer der ersten zeitgenössischen Handy-Romane in Deutschland. Dennoch bleibt das Angebot überschaubar. "Wir denken, der Erfolg hängt von zeitgenössischen Titeln ab, und das muss nicht unbedingt hohe Literatur sein. Wie in Japan könnte sich durchaus eine elektronische Wegwerf-Literatur entwickeln - als Zeitvertreib unterwegs", sagt Frank Wulff, Geschäftsführer von cosmoblonde. Die Berliner Multimediaagentur produziert in Eigenedition Handy-Bücher mit klassischer Literatur wie Kants "Was ist Aufklärung?", um Verlage neugierig zu machen. "Unsere Missionsarbeit bei Verlagen war leider bisher von verhaltenem Interesse geprägt", räumt Wulff ein. Viele Verlage seien immer noch sehr printorientiert, einige hielten auch die Rechte-Frage bei Handy-Literatur für problematisch.

In Österreich gibt es das Portal "blackbetty.at", das ebenfalls eine Mischung aus klassischen Texten und verstärkt auch neuen Titeln anbietet. Wulff: "Die arbeiten aber stärker als Verlage." Doch nicht nur die Verlage, auch viele potenzielle Nutzer sind noch skeptisch, weil sie glauben, die Texte würden sich auf einem kleinen Display nur schlecht lesen lassen. "Meist erledigen sich diese Vorurteile, wenn man es einmal ausprobiert. Das Lesen geht erstaunlich gut, weil das Auge die kleinen Seiten sozusagen häppchenweise verschlingt und man nicht scrollt, sondern blättert", erklärt Wulff. Und so bleibt er optimistisch: "Handy-Romane werden eine ernstzunehmende Alternative insbesondere für alle Arten von Unterhaltungsliteratur. Sozusagen elektronische Pulp-Fiction." (Marc Raschke/Der Standard/rondo/29/08/2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Szenen einer Ehe: Japanerin mit Handy, ihrem liebsten Gadget für unterwegs.

Share if you care.