Schnaps ist mein Obst

22. August 2008, 12:06
3 Postings

Möglicherweise ist das Schnapsbrennen die letzte Konsequenz der beschwerlichen Gartenarbeit - Christian Schachinger ist dafür

Es ist nicht so, dass man alle Bücher lesen muss. Aber neulich war Unwetter. Während wir nachts also sternhagelwach bedauerten, dass es im Dorf keine gute Zeitschriftenhandlung, nämlich gar keine gibt - und wir unruhig damit rechneten, dass die niederösterreichische Energiewirtschaft wegen der sintflutartigen Regenfälle und einer traditionell etwas unglücklichen Unausgewogenheit zwischen ökonomischem Denken und Vernunft wieder einmal das Kamptal flutete, fiel mir ein Buch beim Nachbarn in die Hand. Titel: "Obstbrände". Dieses schmale Bändlein ließ einerseits die Vermutung zu, dass der Nachbar jetzt wirklich ernst macht mit Schnapsbrennen. Merke: Wie beim Imkern, Rosen- und Obstzüchten kamen erst die Bücher und dann die neue Arbeit. Und es erinnerte mich an eines: Während meiner Jugend im Oberösterreichischen wurde einmal im Jahr - und für mich bitte einen Doppelten! - laut dem großen mexikanischen Mariachi-Sänger und Herzensbildner Pedro Infante (bitte googlen und youtuben!) im hauseigenen Stadl Hochprozentiges aus eigenem Anbau gebrannt: "Copa tras copa, botella tras botella!"

"Nussschnapsbauern"

Offiziell, mondscheinermäßig, in unplausiblen Mengen wie beim nahen, die örtliche Kieberei regelmäßig mit Naturalien freundlich stimmenden "Nussschnapsbauern". Oder eher so, dass der Bauer unmittelbar neben dem eigenen Obstgarten niederbrannte, weil er beim illegalen Brennen besoffen einschlief - und deshalb zur Strafe den Rest seines Lebens am Bau für die Schulden und den Wiederaufbau seines schiachen Hofes arbeiten musste: Schnaps hat immer Saison! Der Rest ist Folklore.

Es ist nämlich so, ich muss schon wieder grübeln. Ich sitze nach einer ersten Entsorgung im Kompost vor zwei Wochen schon wieder auf einigen Kübeln Klar- und Holz- und Zwetschgen-Äpfeln sowie zehn Kübeln Birnen extra. Die fasst der Nachbar - ich habe es vermutet, weil man ja hier als Neuer im Dorf unvermutet in einer Nutztier- und Rentabilitäts-Fauna und -Flora lebt - schon seit Längerem als zukünftige, innerhalb von drei bis vier Tagen nur geringfügig in ihrem Aggregatzustand zu verändernde Freizeitdroge ins Auge. Schnapsbrennen ist das neue Hanfzüchten. Honig ist zwar gut und schön. Die Realität mildert er allerdings keinesfalls.

Mir persönlich ist ja noch der jährliche, leicht zwetschgenbrand-betatschte Zustand bekannt, als der Vater mit dem Großvater nächtelang beim ausgeborgten Brenner im Werkzeugschuppen saß und versuchte, trotz Vorlaufs und bedüselnden Dampfes sowie dazugehörigen Inhalationsrauschs nicht einzuschlafen - und damit die Feuerwehr oder das Finanzamt auf den Plan zu rufen. Drei Tage wach. Und die Schule musste leiden.

Schnaps ist Schnaps!

Heute, altersmäßig geschult in babylonischen Ausschweifungen und dazugehörigen Verwirrungszuständen, kann ich jetzt zum Beispiel einen Zwetschgen- oder Holzapfelbaum in meinem frisch erworbenen Garten betrachten, ohne in vorgezogene Verzückung auf zukünftige posttoxische Zustände zu geraten.

Das gelingt unter anderem deshalb, weil die Wiener Szenewirte gerade abgefahren sind. Die haben die Vorräte unseres vorarlbergischen Schnapsgurus vollständig eliminiert. Wir sprechen hier von gefinkelten Kombinationen wie Birne mit Orange, von denen man früher (Schnaps ist Schnaps!) nur träumen konnte. Und ich mag jetzt nicht mehr.

Der imkernde Nachbar, der mittlerweile ein doppeltes Auge auf den Obstbestand wirft und demnächst im harten Wahlkampf um meine Brombeersträucher liegen wird ("Genug gestritten, es reicht!"), von denen ich glaube, dass sie lieber Marmelade werden wollen, sieht nach einer halben Tonne Honig nun endlich das reifen, was uns Gartenbesitzern Trost und Rat und Schlummertrunk geben könnte. Schnaps ist die Rache des Nachwuchsgärtners an der Verweigerung der Natur, sich ihrem Besitzer ganz und gar und unkompliziert hinzugeben. Wer das nicht einsieht, braucht keinen Garten. Danke für alles - und alles Gute! (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/22/08/2008)

 

  • Schnapsbrennen ist das neue Hanfzüchten.
    foto: photodisc

    Schnapsbrennen ist das neue Hanfzüchten.

Share if you care.