Die Weichzeichner

22. August 2008, 17:00
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Viel Schminke, schwarz-weiße Schattenspiele und immer die gleiche Einstellung: Das Pariser Fotostudio Harcourt verschönert seit 70 Jahren Stars

Doch auch Nichtprominente lieben die markanten Porträts.

Das heute legendäre Studio Harcourt war und ist für Generationen von Franzosen ein Inbegriff für glamouröse Starfotos. 1934 gegründet, erlebte es Höhen und Tiefen und ist heute wieder Adresse für Alt- und Jungschauspieler: Alain Delon, Catherine Deneuve, Laetizia Casta ließen sich ebenso ablichten wie Königin Rania von Jordanien, Shimon Peres, Paolo Cuelho oder Christian Lacroix. Doch auch Normalbürger können sich hier transformieren lassen zur idealisierten Ikone in der Ästhetik längst vergangener Zeiten, der 1930er- und 40er-Jahre. Der Volksmund nennt das "Harcourtisieren", der Philosoph Roland Barthes gar "Sublimierung der menschlichen Materie."

In den Jahren ohne Fernsehen spielten Fotografie und Film eine wichtige Rolle und verschafften dem Studio erste Erfolge. Die damalige Besitzerin mit dem adeligen Namen, Cosette Harcourt, hatte zur Einführung eine glänzende Marketing-Idee: Die Größen des Schwarz-Weiß-Films – Marlene Dietrich, Edith Piaf, Jean Gabin, Jean Marais – ließ sie in vorteilhafter Beleuchtung und edler Pose gratis fotografieren. Dafür behielt Harcourt die Rechte zur Verbreitung der Fotos in der Presse und in den Foyers von Kinos und Theatern, wo sie teilweise noch heute hängen. Die stereotype Art der Aufnahme – die immer gleiche Einstellung, viel Schminke, schwarz-weißes Schattenspiel, Weichfilter, Retuschen – hatte einen solchen Erfolg, dass sich bald alles, was Rang und Namen hatte, im Vorraum des Studios drängte. Bis zu 40 Porträts entstanden pro Tag. Der Kunde bezahlte nur, wenn er mit dem Resultat zufrieden war und sein veredeltes Konterfei mit der noblen Signatur mitnehmen wollte. So kam ein einzigartiger Fonds von fünf Millionen Negativen zustande (Fotos von 300.000 Personen, darunter 1500 Prominente); ein Großteil davon wird heute vom Kulturministerium verwaltet.

Mekka des schmeichelnden Abbilds

Zur Zeit der "Nouvelle Vague" in den 60er-Jahren wurde das herkömmliche Harcourt-Porträt als zu statisch, ja kitschig angesehen. Doch vor ein paar Jahren kam der Umschwung. Seitdem hat die neue Leiterin Catherine Renard mit ihrem Team das Studio wieder zu einem Mekka des schmeichelnden Abbilds gemacht. Das Prinzip des klassischen Porträts wurde beibehalten, wenn auch mit neuen Apparaten, etwas lebendigeren Posen, sanfterem Licht, fantasievollen Umrahmungen.

Nach dem Umzug in eine Art Stadtpalais, nahe den Champs-Élysées, ließ man die weiten Räume mit vielen Anspielungen an die Filmwelt neu dekorieren. Wie bei einem Filmfestival ist auf einer Marmortreppe ein roter Teppich für den Besucher ausgelegt. An den Wänden der Empfangsräume, wo tiefdekolletierte Starlets auf grauhaarige Nobelpreisträger und Politiker treffen, hängen Harcourt-Fotos von Filmdivas aller Zeiten. Der angrenzende, nach Jean Cocteau benannte Schminkraum in mystischem Ambiente, enthält Möbel, die an "La Belle et la Bête" erinnern. Hier gehen die Kundinnen und Kunden rund zwei Stunden lang in die Maske: werden frisiert und geschminkt, um dann im Studio möglichst verschönt fotografiert zu werden. Musik hilft, einigermaßen entspannt zu bleiben. Später suchen die Porträtierten auf den Kontaktblättern die beste Aufnahme aus, die zwei Wochen später, wie ein Gemälde signiert, geliefert wird. Und wenn das Modell nicht zufrieden ist, gibt es noch eine Fotosession.

Zu den interessantesten Arbeiten gehört die Foto-Serie von Promis, die noch nie bei Harcourt waren: Die Porträts entstanden anhand der Wachsfiguren bei Madame Tussaud, wie jenes von Arnold Schwarzenegger. Und zu den rührendsten: das gemeinsame Foto von drei noch lebenden, immer noch schönen Divas des Schwarz-Weiß-Kinos: Michèle Morgan, Danielle Darrieux und Micheline Presle. (Linda Koreska/Der Standard/rondo/22/08/2008)

10, rue Jean Goujon, 75008 Paris
www.studio-harcourt.eu; Preise ab 900 Euro

  • Sich wie die Stars des Schwarz-Weiß-Films fotografieren lassen: Auch Laetitia Casta macht es.
    foto: studio harcourt

    Sich wie die Stars des Schwarz-Weiß-Films fotografieren lassen: Auch Laetitia Casta macht es.

  • Finden Sie den Unterschied:
    foto: studio harcourt

    Finden Sie den Unterschied:

  • Eines der Star-Porträts entstand nicht am lebenden Objekt. 
    foto: studio harcourt

    Eines der Star-Porträts entstand nicht am lebenden Objekt. 

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