"Hurensohn": Alles über eine Mutter

15. Juli 2004, 11:13
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Michael Sturmingers "Hurensohn" stilisiert einen Entwicklungs- Roman oftmals etwas angestrengt zum Melodram

Wien – Noch als Kind wird Ozren auf der Straße das erste Mal beschimpft. Da weiß er noch nicht, was das ist: ein Hurensohn. Aber die Zweifel, ob seine Mutter Silvija tatsächlich Kellnerin ist, nagen seit diesem Moment an ihm – obgleich er höchstens eine‑ unbewusste Ahnung von der Wahrheit hat; als er sie heimlich mit einem Freier beobachtet, macht er sich in die Hose, und wenn er Fragen stellt, gibt er sich gleich mit der ersten Antwort zufrieden.

Michael Sturmingers Spielfilmdebüt Hurensohn, die Adaption eines Romans von Gabriel Loidolt, erzählt von einer ungewöhnlichen Mutter-Sohn-Liebe. Silvija (Chupan Khamatova) stammt aus Bosnien, Ozren zieht sie alleine auf, nachdem sie den Vater vor die Tür gesetzt hat. Das Verhältnis der beiden wird von diversen Umständen erschwert: Sie versucht, ihre Profession vor ihrem Sohn zu verbergen. Er ist geistig etwas beeinträchtigt und bräuchte umso mehr Zuneigung. Der soziale Status Sivijas, ihr Beruf, macht dies unmöglich – immer müssen Onkel und Tante den Buben in ihre Obhut nehmen. Ozrens einziger rebellischer Akt ist die Flucht aufs Gangklo, wo ihm bloß die Kamera ganz nahe ist.

Literaturverfilmungen leiden oft darunter, dass sie eine komplexe Originalerzählung in herausgehobene Momente fragmentieren müssen. Übrig bleiben dann Szenen, die vieles auf einmal zu bewerkstelligen haben und doch nur das Naheliegendste vermitteln: Beim Weihnachtssingen in der Schule bleibt Ozren der Einzige ohne Elternteil, und noch in derselben Nacht erfährt er von Pepi (Georg Friedrich), dem Rausschmeißer der Bar, die Wahrheit über die Arbeit seiner Mutter.

Sturminger rollt mehrere Stadien der Kindheit des Buben auf. Zum Coming-of-age-Drama entwickelt sich Hurensohn dennoch nicht, weil der Moment der Emanzipation nie kommt. Ozren verweigert die Kleidung, die ihm Sylvija schenkt; er kann nicht erwachsen werden – noch als Jugendlicher (Stanislav Lisnic) trägt er seinen gelben Pyjama. Am Idealbild seiner Mutter hält er notorisch fest, auch als sie ihn verlässt, um als Callgirl in höheren Kreisen zu verkehren, während er sich im Bordell als Putzkraft verdingt und dort seine ersten sexuellen Erfahrungen macht.

Das Rotlichtmilieu spielt aber nur eine untergeordnete Rolle. Sturminger nähert sich Ozrens Umwelt weniger mit sozialkritischem Gestus, als dass er einen künstlichen Blick darauf sucht und damit stets ein wenig über das Reale hinausweist. Die Kamera von Jürgen Jürges sucht dabei oft eine fließende Bewegung zu den Figuren, aber das Melodram, das so suggeriert wird, will sich nicht einstellen.

Der Krieg in Jugoslawien, den die Familie in der Fremde einholt, wird beispielsweise nur sehr kursorisch behandelt: Ein serbisches Mädchen kommt in Ozrens Klasse in der Sonderschule; er schenkt ihr Coladosen, sie schmiert schweigsam Papier mit Gekraxel voll – mit derlei bemüht symbolischen Bildern reduziert Sturminger manche Figur zum bloßen Statthalter einer Idee. Ante (Miki Manoljlovic), der Onkel bei der Müllabfuhr, ist wiederum kaum um eine Lebensweisheit zu Gott und der Welt verlegen.

Letztlich ist es aber die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die in Hurensohn immer weniger überzeugen kann. Ob Hure oder Kellnerin – das emotionelle Wechselbad gerät irgendwann zum Automatismus, der überzogen erscheint. (DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.2.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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www.hurensohn.at
  • Artikelbild
    foto: filmladen
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