Steirerblut und Opernball

9. April 2004, 16:24
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Von ganzem Herzen ist der "Kronen Zeitung" zu dem gelungenen Cover-Foto einer strahlenden Frau Clinton von Mittwoch zu gratulieren ...

... dessen ästhetischer Reiz durch die Information Für Hillary ist schon eine Loge reserviert beträchtlich vertieft wurde. Leider schimmerte deren spekulativer Charakter ein wenig im Bildtext durch, wo es hieß: Amerikas frühere First Lady und jetzige New Yorker Senatorin Hillary Clinton soll sich jedenfalls eine Loge für die Nacht der Nächte reservieren haben lassen. Im Blattinneren war das Vertrauen in die beschwörende Kraft der Spekulation dann wieder gewachsen. Eine Loge wurde von der US-Botschaft gemietet - mit großer Wahrscheinlichkeit kommt Hillary Clinton!

"NEWS" hingegen war zur Nacht der Nächte nichts Besseres eingefallen, als einen verpixelten KHG auf das Titelbild zu rücken - schien dem Magazin die Hillary-Vermutung doch nicht heiß genug? Man hatte zwar aufwändige Politrecherchen betrieben - Pause im New Yorker Senat ließe Ballbesuch zu -, aber ganz blöd wollte man am Morgen danach auch nicht dastehen. Das jüngste Gerücht hielt sich fast bis zum Kommando "Alles Walzer": Hillary Clinton , Ex-First-Lady an der Seite des umtriebigen US-Präsidenten, sei in der Loge ihrer Freundin Kathryn Hall einquartiert, hieß es ab Dienstag der Opernball-Woche in den Zirkeln der Walzer-Society. Die erste Diva der Politwelt, nunmehr Senatorin in New York, kommt anstelle des Exbürgermeisters Rudy Giuliani, so das Rumoren rund um die Top-Stars.

Viel Rumoren um nichts - bei so vielen anderen Top-Stars. Da war es beruhigend zu erfahren: Unabhängig von dieser Besetzungsfrage war Organisatorin Elisabeth Gürtler schon im Vorfeld mit sich und der Opernballwelt voll zufrieden: "Wir haben tolle Gäste und ein tolles Fest." Das erfordert natürlich eine Menge Arbeit und Organisationstalent. So berichtet in "NEWS" ein gewisser Prinz Frédéric von Anhalt, dessen Tollheit in manchen Zirkeln der Walzer-Society aus nicht nachvollziehbaren Gründen weniger geschätzt ist als die der sonstigen tollen Prominenz: "Drei Tage lang wurden meine Frau und ich mit anonymen Anrufen im Wiener Dialekt beschimpft", die in dem charmanten Versprechen gipfelten: "Man wollte mir die Knochen brechen und hat versprochen, dass ich nicht heil aus Österreich herauskomme." Man scheut in Wien eben keine Mühe, um den Opernball wieder zu dem klassischen Ball der Künstler & Künste zu machen, als der er in aufgedonnerter Mogelpackung alljährlich verkauft wird.

Zum Glück gibt es noch Menschen, die selber wissen, dass sie keine Künstler sind. Was hätten die Verfechter der künstlerischen Reinheit des Opernballs erst jenem Promi der Politwelt, der zurzeit den Kaliforniern einen Gouverneur vorspielt, versprochen, um ihn vom Kommen abzuhalten? Mit Knochen brechen wäre man bei einem Terminator nicht weit gekommen, umso weniger, als sich ein kleinformatiger Terminator sofort schützend vor ihn geworfen hätte. Nur weil einer nicht anders kann, als in Sacramento Todesurteile zu unterschreiben, darf man ihn nicht gleich in Wien zu lebenslänglicher Ausgrenzung verurteilen.

Da gilt es alle Fürs und Widers sorgfältig abzuwägen, wie erst am Wochenende in der "Krone" unter dem Titel Steirerblut & Doppelmoral geschehen. Als hätte Cato Arnie schon immer misstraut, ließ er nun schreiben: Wie haben sie gejubelt, die Grazer. Ihr Arnold war er, dickes, steirisches Blut, das auch durch Hollywood nicht amerikanisch verdünnt werden konnte. Als ob man nicht Steirer und für die Todesstrafe sein könnte! Und jetzt das! Der Schock, dass das Amerikanische in ihm gesiegt hat. Arnold, ein hässlicher Amerikaner, ein Befürworter der Todesstrafe. Traurig, aber wahr: So schnell kann 's gehen. Vom umjubelten Helden zum Buhmann.

Die Kalifornier leben, anders als die unverdünnten Steirer, in einer anderen Gesetzeswelt - mit dem Tod als Höchststrafe. Was in unseren Breiten völlig zu recht kein Verständnis findet. Das bedeutet aber noch lange nicht Verständnislosigkeit, wenn es sich um andere Breiten handelt. Todesstrafe - ja oder nein ist schließlich keine Frage der humanen Bandbreite, sondern eine des geografischen Breitengrades. Und so soll es bleiben: Schwarzeneggers Welt ist längst die kalifornische. Er ist sogar ihr Gouverneur. Die höchste politische und auch moralische Instanz des 36-Millionen-Volkes.

Und eh wurscht - was Schwarzenegger getan hat, hätte wohl jeder andere kalifornische Gouverneur in dieser Situation getan. Und Arnold wird auch dann Gouverneur bleiben, wenn die Grazer seinen Namenszug von der Stadionfassade schrauben. "Krone"-Darling bleibt er sowieso, dafür garantiert die doppelmoralische Instanz des Acht-Millionen-Volkes. Wer wollte ihm da den Opernball verwehren?
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2004)

Von Günter Traxler
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