Traditionelles Wissen indigener Völker gefährdet

19. Juli 2004, 12:03
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Durch Schlupfloch im internationalen Gesetz könnte traditionelles Wissen auch skrupellosen Ausbeutern offen stehen

Kuala Lumpur/Tokio - Nach Untersuchungen des Institute of Advanced Studies der UN-University ist das traditionelle Wissen indigener Völker mehr denn je durch internationale Patentgesetze gefährdet. Ein Schlupfloch im internationalen Gesetz zum Schutz intellektueller Rechte könnte nämlich dazu führen, dass Wissen, das seit Jahrtausenden mündlich weitergegeben wurde, nun allen frei und offen zugänglich gemacht werden soll.

Mündliche Überlieferung

Die UN-Wissenschaftler sehen darin einen Trugschluss, denn damit, dass die Kennntnisse allen frei zugänglich gemacht werden, stünde dieses traditionelle Wissen auch skrupellosen Ausbeutern offen. In dem Report "A Role of Registers And Databases In The Protection Of Traditional Knowledge", der beim Treffen zum Schutz der biologischen Vielfalt in Kuala Lumpur präsentiert wurde, gehen Vertreter indigener Völker auf dieses Problem ein. Mit dem traditionellen Wissen bezeichnen die Völker kommerziell wertvolle Informationen über lokale Heilpflanzen und ihre Zubereitung. Viele dieser Informationen werden in den betroffenen Staaten seit Jahrtausenden mündlich weitergegeben.

Das Problem ergibt sich insbesondere dann, wenn ein Unternehmen ein Patent auf eine Pflanze erhebt: internationale Patentämter haben dann darüber zu entscheiden, ob es sich dabei um eine bereits bekannte Eigenschaft einer Heilpflanze handelt, oder ob das Wissen bereits lokalen Völkern bekannt war.

Beispiel Ayahuasca-Pflanze

Traditionelles Wissen wird sehr oft mit Zeremonien und speziellen Formeln von einer Generation zur nächsten überliefert. "Eine Offenlegung dieser sehr speziellen Art von Wissen entspricht nicht den sozialen und kulturellen Traditionen. Es ist eine sehr unsensible Art Völker dazu zu zwingen dieses Wissen offen darzulegen, da dieses häufig nur wenigen speziellen Personen innerhalb eines Volkes bekannt ist", so der Report. Dabei wird das Beispiel der Ayahuasca-Pflanze angeführt, die im tropischen Regenwald Amazoniens wächst und für spirituelle und kulturelle Zeremonien verwendet wird. Amerikanische Patentämter hatten sich geweigert das mündlich weitergegebene Wissen über diese Pflanze als Gegebenheit zu akzeptieren. Schmanen im Amazonas benutzen Ayahuasca seit Jahrhunderten als Heilmittel.

"Die Welt wollte mit dem Gesetz so zu sagen verhindern, dass es zu Akten von Patentpiraterie kommt", meint Autor Brendan Robin. Nach Ansicht der UNO könnte das Modell der Inuit auch für andere Staaten gelten. Dort haben hohe Regierungsbeamte Zugang zu geheimen Unterlagen über traditionelles Wissen, wenn es zu einem Streitfall kommen sollte. Umgekehrt sollte aber die Tradition der mündlichen Weitergabe unbedingt eingehalten werden und auch als Patentschutz Gültigkeit haben. Robin findet, dass indigene Gruppen, Museen, botanische Gärten und Universitäten essenziell für den Schutz von traditionellem Wissen sind. Allerdings sei ein einheitlicher "Code-of-Conduct" erforderlich. (pte)

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