Oli und Orchi, Cato und Zeus

9. April 2004, 16:25
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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, schon gar, wenn er mit dem Bundespräsidenten reist

... Das letzte Mal, als Kurt Seinitz mit dem Staatsoberhaupt nach Moskau flog, war das Ergebnis substanzieller. Damals fand die Reise ihren diplomatischen Höhepunkt in der Enttarnung des russischen Staatspräsidenten als "Krone"-Fan. Diesmal als Hundefan, aber auch nicht schlecht. In der Datscha zeigte er auf ein großes Knäuel balgender Hundebabys. "Erinnern Sie sich noch an Conny?" wendet er sich zu Thomas und Margot Klestil. Aber nur Seinitz erinnert sich: "Conny" ist Putins Labrador-Hündin. Und ein solches Gehirn muss im Kleinformat vermodern!

"Das ist ihr Wurf: elf Welpen. Zwei sind für Sie als Zeichen lebendiger Freundschaft". Wladimir Putin denkt eben mit: In Zeiten, in denen die Fauna eines Safariparks ihrer Errettung durch Hans Dichand harrt, gilt es die Reihen der Hundestreichler zu schließen - von der "Krone" über die Hofburg bis zum Kreml. Das Ehepaar Klestil ist wie vom Blitz getroffen. Verständlich. Nach allem, was der Ehemann über Jahre als Zeichen lebendiger Freundschaft aus der großen weiten Welt so angeschleppt hat, droht ihm allmählich die Gefahr, als Dr. Doolittle vom Ballhausplatz in die Geschichte einzugehen. Doch Seinitz jubelt: Diese Überraschung war Putin gelungen.

Und tatsächlich: Die beiden kleinen "Russen" treten auf dem Schoß von Thomas und Margot Klestil, zärtlich umsorgt, in der Präsidentenmaschine die Reise nach Österreich an. Was blieb den Beteiligten auch anderes übrig? Der russische Präsident hat für alles korrekt vorgesorgt: Internationale Impfpässe und sogar zwei Tage Futter für die Hunde gibt er seinen Staatsgästen mit auf den Heimflug. Putins Russland ist für seine Korrektheit bekannt, und wenn es die "Krone" bestätigt, dann muss es stimmen. Der Bundespräsident hat schon recht, wenn er sagt: "Das Land ist auf dem richtigen Weg." Da dürfen Olga und Orchidea auch die Servietten zerreißen und - ja, auf der Hose bleibt etwas zurück . . .

In der "Krone" auch. Jedenfalls freuen sich die Klestils schon auf die neue Abwechslung, die in ihr Leben gekommen ist. Zum Beispiel "Äußerln gehen", was mit Pferden eher mühsam ist. "Bei mir im Amtszimmer bekommen sie ein Körberl", schmiedet der Bundespräsident schon Zukunftspläne, und vor meinem Amtssitz am Heldenplatz haben sie einen großen Spielplatz." Na klar - und unter dem Beifall der "Krone" die Wiesen vollkacken, auf denen das Volk sich erlustigt! Doch diese Zukunftspläne sind nicht für lange geschmiedet.

Da Klestil in den nächsten Monaten alle Nachbarn besuchen will, könnten noch einige Überraschungen bevorstehen. Vielleicht sollte man die Ungarn, die nächsten auf der Reiseliste, schon jetzt auf diplomatischem Wege wissen lassen, dass ein Paar magyarischer Hirtenhunde keine gelungene Überraschung mehr wäre. Aus Berlin ein Bär? Nur wenn es unbedingt sein muss! Und bitte, von der Abschlussvisite in Rumänien keine Fledermäuse. Wenn die abends äußerln gehen, weiß man nie, was passiert. Schön wäre hingegen ein Papagei, der beim Gugelhupf sagt: "Die Krone muss österreichisch bleiben." Vielleicht von den Tschechen?

Das ist jetzt aber keine Kritik am Kleinformat. Das wäre auch Gotteslästerung, wie uns Gottvater Cato Samstag mit all der mythologischen Inbrunst mitteilte, die ihn oft umnebelt, wenn es um seine Person, also um sein Blatt, geht. In einer griechischen Fabel wirft einer von den Halbgöttern Zeus vor, dass er dem Stier die Hörner am Kopf und nicht an der stärksten Stelle, der Brust, angebracht habe. Darauf Zeus: "Du willst mich verbessern, der nicht einmal wusste, was ein Stier ist, bevor ich ihn schuf?"

Ohne uns natürlich auch nur im Geringsten mit griechischen Göttern vergleichen zu wollen - die Betonung bei diesem Plural der divinatorischen Bescheidenheit liegt auf griechisch - sind ja die anderen Medien, verglichen mit der "Krone", Zwerge. Eine Tageszeitung mit unserer Verbreitung und Glaubwürdigkeit hat es in der Geschichte der österreichischen Tagespresse noch nie gegeben.

Wäre die Eingebung, uns mit der Offenlegung seiner Göttlichkeit zu beglücken, nur seiner privaten Mythomanie entsprungen - man könnte von der Wochenend-Himmelfahrt eines Hundestreichlers sprechen. Aber ohne eine Kassandra schafft er es nicht: Nur Elfriede Jelinek bezeichnete mich in einem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" sechsmal (da zählt man doch mit!) als - natürlich bösen - "Gott".

Dieses "böse" muss er nicht tragisch nehmen, auch Zeus hatte seine Schwächen. Aber dass er Elfriede Jelinek zur Kronzeugin seiner Göttlichkeit aufruft, stellt seiner Glaubwürdigkeit ein Zeugnis aus, wie es glaubwürdiger nicht sein könnte.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2004)

Von Günter Traxler
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