"L'Humanité": Jeder ist sich selbst der Fremdeste

19. Juli 2004, 10:19
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Mit großer Verspätung jetzt auch in Wien im Kino: "L'Humanité" von Bruno Dumont

Wien – Wenn es in der Natur des Kinos liegt, die Welt und eine Wahrnehmung derselben in Form montierter Ausschnitte zu präsentieren, dann ist in Zeiten medialer Bombardements mit Weltausschnitten eine Frage besonders prekär: Ab wann verdichten sich die Anschaulichkeiten zu einer Ansicht im Sinne eines ideologischen Weltbilds?

Dieser Frage stellt sich gegenwärtig im Kino Michael Haneke mit seinen Aussparungen ebenso wie Brian de Palma mit seinen ultramobilen Plansequenzen. Und die fahrigen Kamerabewegungen der dänischen Dogma-Regisseure sind ebenso Antwort auf eine zunehmend fragmentierte Weltwahrnehmung (für die Vollständigkeit behauptet wird) wie die stoische, dokumentarische Kadrage eines Raymond Depardon.

Ins Zentrum dieser Debatte führt auch ein Film, der bereits 1999 in Cannes mit dem großen Jurypreis für Regisseur Bruno Dumont und einer Palme für den Hauptdarsteller Emmanuel Schotte prämiert wurde: L'Humanité geht vom Titel an aufs große Ganze und vermeidet schon in der ersten Einstellung – die Scham einer ermordeten Frau –, keine kühnen Anspielungen auf die Kunst: in diesem Fall L'origine du monde von Gustave Courbet; oder später – in einer kühnen Gedankenmontage, wenn dem Helden angesichts eines Zuges beim Schreien die eigene Stimme abhanden kommt – Edvard Munch und William Turner.

Dazu wie auch zu höchst artifiziellen Bildrahmen verhalten sich die Protagonisten durchaus verwandt zu jenen in den gespielten "Dokumentarfilmen" Ulrich Seidls. Sich selbst sind sie ebenso fremd wie der sie umgebenden "Natur" und jener "Kunst", die mit ihnen oder vor ihren Augen gemacht wird: In diesem Fall ist es bezeichnend, dass der Held von L'Humanité, ein Polizist, einen Kunstmaler zu seinen Vorfahren zählt.

Und es ist erst recht bezeichnend, dass er von einem Laien – dem auch bei der Preisverleihung in Cannes leicht verhaltensauffälligen Emmanuel Schotte – gespielt wird. Schon in seinem ersten Film, La vie de Jesus, hatte Bruno Dumont auf diese Diskrepanz zwischen Amateurdarstellern und filmischer Könnerschaft gesetzt. Hier, wo wir einen Mordfall über einer merkwürdigen Dreiecksgeschichte fast aus den Augen verlieren, geht er aber noch einige Schritte in Richtung existenzialistischer Konstruktion.

Vorbild Simenon

Es scheint, als sei Dumont in einer flandrischen Landschaft sehr stark von den Serienromanen eines Georges Simenon inspiriert, in denen ebenfalls Psychologie gerne hinter die Oberflächen und geradezu routinierte Tätigkeiten und Tätlichkeiten zurücktritt. Anders als die üblichen Simenon-Adepten gibt er dem Personal seiner – ja, doch – Comédie humaine aber eine harte, denkwürdig klobige Körperlichkeit. Die Geschlechtsakte in L'Humanité, weit entfernt von modischem Voyeurismus – sie gehören zum Radikalsten, was diesbezüglich in den letzten Jahren im Spielfilm zu sehen war.

Gleichzeitig führt diese Radikalität natürlich auch zu einer Ansicht, die lichten Seiten der Menschheit nichts abgewinnen kann: humorfreie Zone. Das Gemachte, das Gewollte und das Angestrengte gehen ineinander über. Trotzdem gut, dass man das endlich hierzulande sehen und diskutieren kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2004)

Von
Claus Philipp

Derzeit im Wiener Top Kino.

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    foto: top kino
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