Kahlschlag durch Tiefsee-Fischerei

19. Juli 2004, 12:03
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Hunderte Forscher und Forscherinnen fordern Schutz für die bedrohten Ökosysteme der Tiefsee

Kuala Lumpur/Wien - Über 1000 führende MeereswissenschafterInnen aus 69 Staaten fordern Sofortmaßnahmen, um die bedrohten Ökosysteme der Tiefsee unter Schutz zu stellen. Eine entsprechende Erklärung wurde auf der Konferenz über Biologische Vielfalt (CBD) veröffentlicht, die derzeit in Kuala Lumpur (Malaysia) stattfindet.

Erst kürzlich haben WissenschafterInnen in den Tiefen der kalten Ozeane Korallenriffe entdeckt, in denen "Korallenbäume" von bis zu zehn Meter Größe und dichte Korallenwälder wachsen - die "Regenwälder der Tiefsee", in denen tausende Arten leben. Diese völlig unerforschten Ökosysteme werden durch die industrielle Tiefsee-Fischerei zerstört. "Tiefsee-Fischerei ist mit dem Kahlschlag eines Urwaldes gleichzusetzen. Ein Grundschleppnetz zerstört alles, was ihm in den Weg kommt", erklärt Nina Thüllen, Greenpeace-Meeresbiologin, in einer Aussendung.

Appell

Die Wissenschafter appellieren an die Mitgliedsstaaten der CBD und an die Vereinten Nationen, auf Hoher See sofort ein weltweites Verbot der Fischerei mit Grundschleppnetzen zu verhängen, eine der verheerendsten Fischereimethoden. Nur so könnten Tiefsee-Korallenriffe geschützt werden, die zu den letzten unberührten Gebieten der Ozeane gehören.

Die Regierungen wurden aufgefordert, ein wirksames Netzwerk aus Meeresschutzgebieten einzurichten. "Die Mitgliedsstaaten der Konvention für biologische Vielfalt müssen eine Resolution verabschieden, die der UNO nahe legt, ein Moratorium gegen die Tiefsee-Fischerei mit Grundschleppnetzen zu erlassen und dieser zerstörerischen Fischerei ein Ende zu machen", so Nina Thüllen.

Effektive Fangmethoden

Da zahlreiche Fischbestände vor dem Zusammenbruch stehen, durchkämmen hochtechnisierte Fangflotten die Tiefen der Weltmeere auf der Jagd nach den letzten Fischbeständen. Mit immer effektiveren Fangmethoden werden auch am Tiefsee-Boden die letzten Speisefische und Krustentiere eingesammelt: Kabeljau, Seehecht, Garnelen, Tiefseehummer, Seezungen und Schollen.

Doch die riesigen Fanggeschirre, so genannte Grundschleppnetze und Baumkurren, zerstören den filigranen Boden: Tonnenschwere Eisenrollen und Scherbretter werden auf Kufen über den Meeresboden gezogen, dazwischen hängen Eisenketten, durch die am Boden lebende Fische aufgescheucht und ins Fangnetz getrieben werden. Der Meeresboden wird dabei umgepflügt, Korallenriffe werden völlig zerstört. Die Schleppnetze können so groß sein, dass bis zu zwölf Jumbojets in ihren "Rachen" passen. Eine Netzfüllung kann bis zu 600 Tonnen Fisch sowie riesige Mengen an Beifang liefern. So werden beispielsweise pro Kilo Seezunge zehn Kilo Beifang mitgefischt.

Schutzgebiete

Nur 0,5 Prozent der Meeresoberfläche sind bisher als Schutzgebiet ausgewiesen, davon sind lediglich zwei Prozent für die Fischerei gesperrt. Damit sich die Ozeane weltweit regenerieren können, ist ein Netzwerk von Schutzgebieten auch in den Tiefen der Meere nötig. Greenpeace fordert ein striktes Fangverbot in sensiblen Gebieten und die Einrichtung von Meeresschutzgebieten, in denen sich Fischbestände ungestört entwickeln können. (red)

Links

Marine Conservation Biology Institute
(mit dem Statement der WissenschafterInnen)

Greenpeace

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