Professionelle Friedensstifter

16. Februar 2004, 22:01
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Mediation eröffnet neue Wege in der politischen Konfliktbereinigung

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist immer wieder versucht worden, scheinbar unentwirrbare Konflikte, für die der israelisch-palästinensische paradigmatisch steht, mit Methoden der Mediation anzugehen. Seit den 70er-Jahren ist "Mediation" ein nicht mehr nur für die Streitbeilegung im privatrechtlichen Kontext (Ehescheidungsprozesse, Nachbarschaftszwistigkeiten etc.) reserviertes Instrument, sondern eines, das auch immer häufiger in politischen Zusammenhängen bemüht wird. Der Bogen möglicher Anwendungsbereiche spannt sich dabei von intranationalen Konflikten (etwa zwischen Behörden und Nichtregierungsorganisationen usf.) bis hinauf auf die Ebene der internationalen Beziehungen.

Auf der letzten haben sich in den vergangenen Jahren vor allem die Norweger einen hervorragenden Ruf erworben - als Initiatoren des Oslo-Prozesses etwa oder als Vermittler im Bürgerkrieg in Sri Lanka. Auch in den USA hat die Mediation eine große Tradition: Die Harvard Law School ist eine der zentralen Lehr- und Forschungsstätten auf diesem Gebiet. Sie hat, durch die Erfahrungen der Kuba-Krise aufgeschreckt, Bahnbrechendes für die Entwicklung von Vermittlungsstrategien geleistet, die sich selbst in den verworrensten und ausweglosesten Situationen noch anwenden lassen. Daneben gibt es eine übersehbare Fülle von professionellen Friedensstiftern wie etwa den Expräsidenten Jimmy Carter, der für seine unermüdliche Tätigkeit als "Peace broker" mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Es stellt sich die grundlegende Frage, wie sich "Mediation" zu herkömmlichen Verhandlungs- und Vermittlungssituationen in der Politik verhält. Essenziell ist zunächst, dass der Mediator in dem Konflikt die Stelle eines neutralen Vermittlers einnimmt und nicht etwa die eines Hegemons, der die Streitparteien kraft seiner Machtposition zur Beilegung ihres Konfliktes veranlasst.

Das macht die Mediation zu einem speziellen Typ einer "third party intervention" und zeigt darüber hinaus, dass es bei ihr um eine genuin demokratische Sache geht: "Mediation ist (...) radikale Demokratie, angesiedelt an der Wurzel (radix) von Gesellschaft und Gemeinschaft", schreibt der Philosoph, Mediator und systemische Therapeut Joseph Duss-von Werdt. "Ihre horizontale Sozialstruktur kennt nicht die Über- und Unterordnung hierarchischer Systeme, ebenso wenig wie die Demokratie. Die ausgehandelten Entscheidungen sind primär von den Beteiligten selbst bestimmt und nicht von Dritten aufgezwungen."

Ein weiterer zentraler Mediationsgrundsatz findet sich in einem Klassiker der modernen Verhandlungstheorie formuliert, dem von den drei Professoren Roger Fisher, William Ury und Bruce Patton verfassten "Harvard-Prinzip": Der Mediator sollte nicht nach einem Ausgleich der Positionen der Streitparteien streben, sondern zunächst einmal deren Interessen zutage fördern und zwischen diesen vermitteln.

Die Sinnhaftigkeit dieser auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz klaren Unterscheidung wird augenfällig, wenn man bedenkt, dass oft ein vitales Interesse einer Streitpartei durch ganz unterschiedliche Positionen befriedigt werden kann. Beim systematischen Durchspielen diverser Positionen lassen sich Fronten, die zunächst vollkommen undurchdringlich scheinen, möglicherweise aufweichen.

Fisher, Ury und Patton verweisen in diesem Zusammenhang auf die Camp-David-Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten, wo dieses Prinzip konsequent angewandt worden sei: Die ursprüngliche Konstellation zwischen den Konfliktparteien in der Frage der Rückgabe des 1967 von Israel besetzten Sinai war so, dass die Positionen diametral entgegengesetzt und völlig unvereinbar schienen. Erst die konsequente Hinwendung zu den Interessen der Streitparteien eröffnete Lösungsmöglichkeiten.

Der Politologe und Psychotherapeut Otmar Höll vom "Österreichischen Institut für Internationale Politik" (OIIP) weist darauf hin, dass Mediationsprozesse häufig auf der zweiten oder dritten politischen Hierarchieebene in Gang gesetzt werden, weil die Repräsentanten der obersten einem zu starken öffentlichen Druck ihrer jeweiligen Anhängerschaft ausgesetzt wären, wenn sie sich einander annäherten.

Oft ist es so, dass Mediationsprozesse den eigentlichen Verhandlungen überhaupt erst vorangehen müssen: Mit vertrauensbildenden Maßnahmen wird der Rahmen errichtet, innerhalb dessen dann kommuniziert werden kann. Das kann eine überaus subtile Aufgabe sein, und viele Mediatoren haben sich auch solide gruppendynamische Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen müssen, um zu Ergebnissen zu kommen. Nicht selten haben die an der Verhandlung beteiligten Personen traumatische Erlebnisse hinter sich, sodass sehr viel Fingerspitzengefühl des Mediators vonnöten ist, um Erfolg zu haben. Höll: "Wenn da Dilettanten am Werk sind, ist das Risiko groß, dass mehr Schaden angerichtet wird, als Nutzen gebracht." (Christoph Winder/ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.2.2004)

Buchtipp
Gerda Mehta, Klaus Rückert (Hrsg): Mediation und Demokratie. Neue Wege des Konfliktmanagements in größeren Systemen. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2003.
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