Bildung für Nachhaltige Entwicklung

Redaktion, 25. März 2004, 16:49
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    foto: apa/dpa/armin weigel

Ein neues Bildungskonzept erhält Konturen - Ziel ist die Förderung von Gestaltungskompetenz

Bei der UN-Konferenz in Rio wurde die Bedeutung von Bildung im Zusammenhang mit Nachhaltiger Entwicklung in einem eigenen Kapitel der Agenda 21 festgehalten. Bildung ist demnach nicht nur Grundlage, sondern auch Instrument einer Nachhaltigen Entwicklung. Durch eine UN-Dekade wird "Bildung für Nachhaltige Entwicklung" zwischen 2005 und 2014 sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene zu einem der bedeutendsten Bildungs-Leitthemen.

Wie sieht Bildung für Nachhaltige Entwicklung aus?

Der führende Nachhaltigkeitspädagoge im deutschsprachigen Raum, Gerhard de Haan, stellt fest, dass "es einen engen Zusammenhang zwischen Umwelterziehung und Umweltverhalten nicht gibt" und sich daher die Umweltbildung konzeptionell zur Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung wandle. Dabei wird nicht nur die ökologische Seite der Nachhaltigkeit um die ökonomische und soziale ergänzt. Vielmehr ist das neue Konzept darauf ausgerichtet, auch jene Themen des Globalen Lernens, der entwicklungspolitischen Bildung, der Friedenspädagogik, der Mobilitäts-, Gesundheits- und Konsumerziehung aufzugreifen, die dem großen Thema Nachhaltigkeit zuzuordnen sind.

Ziel ist die Förderung von Gestaltungskompetenz. Dieses Bildungsziel ist mit drei tragenden Unterrichts- und Organisationsprinzipien verknüpft: Interdisziplinäres Wissen, Partizipatives Lernen und Innovative Strukturen. Mit diesen drei regulierenden Prinzipien werden, so der Anspruch, zentrale Anliegen der Nachhaltigen Entwicklung berücksichtigt und Innovationen in der Schul- und Unterrichtsentwicklung angesprochen. Um Bildung für Nachhaltige Entwicklung tatsächlich in der Schule umzusetzen, wird man den Fachunterricht immer wieder zugunsten des Projektlernens aufgeben müssen. Die Schüler bestimmen die Inhalte mit und eine Öffnung der Schule in die Kommune, Gemeinde oder Stadt hinein sowie Kooperationen mit NGOs etc. sind unverzichtbar.

Franz Rauch, Professor an der Universität Klagenfurt, beansprucht Bildung für Nachhaltige Entwicklung als festen Bestandteil einer allgemeinen Bildungsaufgabe, "mit der Absicht, die jeweils heranwachsende Generation zur Humanisierung der Lebensverhältnisse zu befähigen." Bildung für Nachhaltige Entwicklung bezieht sich dabei in letzter Konsequenz auf die Fähigkeit zur Mitgestaltung der Gesellschaft im Sinne einer nachhaltigen Zukunftsentwicklung. Lernen im Hinblick auf Nachhaltige Entwicklung bedeutet, in konkreten Handlungsfeldern Fragen zu bearbeiten, wie sich die Zukunft im Sinne einer Nachhaltigen Entwicklung gestalten lässt. Solches Lernen schließt genaues Beobachten, Analyse, Bewertung und Gestaltung einer konkreten Situation im Sinne von kreativen und kooperativen Prozessen mit ein. "Reflektierte Gestaltungskompetenz" - versus "blinde Aktion" oder nicht hinterfragte Handlungsmuster – ist ein Hauptziel der Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung.

Die schweizer Bildungswissenschafterin Christine Künzli stellt fest, dass Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung eine Reihe neuer Anforderungen voraussetzt, welche erfüllt sein müssen, soll Unterricht im Sinne einer Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden. Inhalte werden unter dem neuen Blickwinkel der Nachhaltigen Entwicklung thematisiert und mit spezifischen Prinzipien im Unterricht umgesetzt. Das bedeutet, dass Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung eine Weiterentwicklung der etablierten pädagogischen Querschnittbereiche ist (z.B. klassische Themen der Gesundheitsförderung oder der Umweltbildung), diese aber auch nicht einfach ersetzt.

Verantwortung für eine Nachhaltige Entwicklung noch nicht gegeben?

Bildung für Nachhaltige Entwicklung wird offensichtlich in vielen Fällen so interpretiert, dass Fähigkeiten entwickelt werden sollen Nachhaltigkeits- Prozesse in Gang zu setzen und zu einer positiven Zukunftsentwicklung beizutragen. Kurz gesagt – Bildung stellt die Fähigkeiten für eine Nachhaltige Entwicklung zur Verfügung, was damit getan wird bleibt der Anwenderin / dem Anwender im Rahmen breiter ethischer Vorgaben überlassen.

Martin Jäggle, Professor an der Universität Wien, spricht in diesem Zusammenhang auch vom "Problem des Verhältnisses von Bildung und Nachhaltigkeit": Das Verständnis von "Bildung" und "Nachhaltigkeit" entscheidet über Ziel, Inhalt und Methode des Lernens. Meist geht es um die Vermittlung technologischer Kenntnisse oder ethischer Standards. Schon die ästhetische Dimension bleibt in der Regel ausgeklammert, obwohl ihre Bedeutung seit 20 Jahren angesichts des historischen Satzes im Konflikt um das Kraftwerk Hainburg und die Donauauen ("Dort ist ja nur Gestrüpp!") erkannt sein müsste. Von der (entwicklungs-)politischen oder spirituellen Dimension ganz zu schweigen.

Bildung als kritische Kompetenz schließt die Fähigkeit ein, die Normalität problematisieren zu können, aber natürlich auch die oft so selbstverständlichen Alternativen, zu denen sicher das Nachhaltigkeitskonzept zählt. Die Philosophin Marianne Gronemeyer hat jüngst darauf hingewiesen: "Von der Antike bis ins Mittelalter kannte man den Begriff des rechten Maßes. Er bezeichnete eine Haltung des nach dem guten Leben strebenden Menschen. Der Begriff 'Nachhaltigkeit' definiert dagegen die Welt bereits als ein Arsenal knapper Ressourcen, mit denen man schonsam umgehen müsse. Er ist damit der Knappheitsideologie und dem Verwertungs- und Ressourcendenken schon ganz verfallen." Wer sich für "Nachhaltigkeit" engagiert, benötigt Bildung als kritisches Potenzial gegenüber den eigenen Optionen.

Die Umsetzung einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung

Angesichts der notwendigen und andauernden theoretischen Diskussion nehmen Experten vielfach eine pragmatischere Position ein und argumentieren ähnlich wie die UNESCO: "Much is yet to be resolved, but waiting for the resolution before addressing the problems is not a luxury society can afford."

Aus diesem Grund gibt es bereits eine breite Palette an Programmen, Projekten und Materialien für eine Bildung für Nachhaltige Entwicklung. So bietet das FORUM Umweltbildung zum Beispiel das Programm "ÖKOLOG" an, dessen Ziel es ist, Bildung für Nachhaltige Entwicklung im Schulprogramm zu verankern und Schritt für Schritt anhand von konkreten Themen wie Wasser, Energie, Schulgelände, Gesundheit, soziale Sicherheit usw. sichtbar zu machen. Darüber hinaus bietet das FORUM Umweltbildung umfangreiche Materialien und Seiten im Internet sowie weitere Programme z.B. für Universitäten.

Überdies werden umfassende Schulprojekte im Zusammenhang mit LA21 Prozessen oder z.B. vom Klimabündnis durchgeführt. Insbesondere in Deutschland sind zudem umfangreiche Materialiensammlungen sowie Projekte erstellt worden. Auch im englischsprachigen Raum werden innovative und teilweise schon mehrere Jahre erprobte Unterlagen angeboten. (Markus Langer)

Die Bedeutung von Bildung als Grundlage und Instrument für nachhaltige Entwicklung ist "Thema des Monats" im Internetportal

Logo: Nachhaltigkeit.at
Eine Initiative des Lebensministeriums



Der Autor:
Markus Langer arbeitet beim Forum Umweltbildung.

Direkt-Link zum Monatsthema 02/2004
(mit Text-Vollversion und weiterführenden Informationen)

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