Tiefes Blau im Roten Meer

25. Mai 2005, 11:54
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Oberhalb des Wasserspiegels eine Felsenwüste, unterhalb ein Paradies für Korallen und ihre Bewunderer: Ras Mohammed an der Südspitze des Sinai ist Ägyptens ältester Nationalpark

"Wenn es Sommer wird, ziehen die Delfine vorbei." Mit bis zur Hüfte herabgerolltem Tauchanzug lehnt Flavio, der italienische Tauchlehrer, am Bug des kleinen Kutters, der allmorgendlich hinaus zu den Tauchgründen fährt. "Mit etwas Glück begegnet ihr den Delfinen dann auch unter Wasser."

Gerade war die kleine Gruppe, die sich jetzt rund um Flavio versammelt hat, noch 25 Meter tiefer gewesen. Unten am Hai-Riff und dann am Yolanda-Riff, zwei der schönsten, nebeneinander liegenden Tauchspots hier am südlichsten Zipfel des Sinai. "Die Strömung war ganz schön stark, aber ich hatte euch ja vorgewarnt", wirft Flavio in die Runde. Manche nicken, die einen davon sichtlich mehr, die anderen weniger mitgenommen. 50 Minuten hatte der Tauchgang gedauert, 50 Minuten, während denen man sich nur mithilfe einiger Handzeichen ausgetauscht hatte. Dafür ist die Redseligkeit jetzt, über der Wasseroberfläche, umso größer. Habt ihr die zwei Muränen gesehen? Den Barrakuda-Schwarm? Den riesigen Napoleon? Und die vergammelte Badewanne, die da unten liegt?

Es ist ein eigenartiges Völkchen, das sich an diesem warmen Januarmorgen auf dem kleinen ägyptischen Kutter versammelt hat. Ein Russe samt extra bezahlter Tauchbegleitung, zwei Bayern, die normalerweise ins Ausland nur auf Montage fahren, eine betagte Schweizerin, die ihr halbes Leben unter Wasser verbracht hat. Genau genommen hat man sich nicht viel zu sagen, wäre da nicht Ras Mohammed, Ägyptens ältester Nationalpark.

Eine unwirtliche, dabei aber faszinierende Felsenwüste oberhalb des Wasserspiegels, ein extrem fischreiches Korallenparadies unterhalb: Wie eine Nabelschnur teilt Ras Mohammed das Rote Meer hier in den Golf von Aqaba und jenen von Suez. Besonders günstige, besonders nahrhafte Strömungen gibt es dadurch. Zudem liegt das Riff am offenen Roten Meer. Das freut auch die größeren unter den Fischen - und mit ihnen natürlich all die Taucher.

"Ich war eigentlich schon überall zum Tauchen", erzählt der Turiner Flavio später auf der Heimfahrt Richtung Norden nach Coral Bay, wo inmitten des riesigen Resorts der italienischen Domina-Gruppe die Tauchbasis liegt: "Auf den Malediven sind viele Korallen durch den El Nino zerstört worden, in der Karibik muss man genau wissen, wohin." Hier am Roten Meer dagegen fänden Urlauber noch immer fabelhafte Tauchgründe vor. Trotz der unglaublichen Bautätigkeit. Trotz Massentourismus und wenig sensibler Gäste.

Langsam, nachdem man für über eine Stunde erst an Sharm el-Sheikh, dann an Naama Bay vorbeigekuttert ist, taucht linker Hand die Domina-Hotelanlage auf. Ein eigenes kleines Dörfchen für maximal 3500 Leute hat die italienische Gruppe hier vor einigen Jahren hingebaut, samt einer Villenanlage für Dauergäste, samt der schmucken Luxusabteilung "Domina Prestige", samt Wellnessanlage, Amphitheater und eigenem Bazar - und samt eigener Zeitrechnung.

Jetzt in der Winterzeit (die für Mitteleuropäer äußerst sommerlich wirkt, die Wassertemperatur liegt bei 26 Grad!) dreht man im Domina die Uhr im Unterschied zum Rest Ägyptens um eine Stunde vor. Der Tag, so hatte es einem die freundliche Dame bei der Ankunft erklärt, werde dadurch um eine Stunde länger. "Ein bisschen verrückt ist das Ganze schon", lacht Flavio, der schon vor längerem beschlossen hat, hier zu bleiben und sich in Sharm ein Häuschen zu kaufen: "Jedes Mal, wenn ich zur Arbeit fahre, muss ich die Uhr um eine Stunde vordrehen." Eine Tätigkeit, die manche der ägyptischen Fremdenführer allerdings hin und wieder vergessen - die Exkursionen zum Berg Moses, zum Katharinenkloster oder in die Wüstencanyons beginnen dann eben um eine Stunde verspätet.

Sorgen, die am nächsten Tag, diesmal in knapp 30 Metern Tiefe, verschwunden sind. Leicht bedeckt ist es heute Morgen, auch wenn die Temperaturen schon wieder weit jenseits der 20 Grad liegen. Eine Schildkröte hat sich mitten unter die Taucher in "Ras Nasrani" am östlichsten Ende des Nationalparkes gemischt, und sie scheint sich dort wohl zu fühlen - trotz der fotografischen Ambitionen der Schweizer Tauchkollegin. Zwischen den riesigen Gorgonien-Fächern und den Korallenfelsen grast sie minutenlang durch die Gegend, erst dann verschwindet sie wieder in der Tiefe.

"Ras Nasrani" ist für alle, die heute Morgen dabei sind, ein neues Tauchgebiet; längere Zeit war es zur Erholung der Unterwasserwelt für Taucher und Schnorchler gesperrt. Eine Maßnahme, die, wie Mohammed Said im Besucherzentrum von Ras Mohammed erklärt, des Öfteren gesetzt wird: "Lange waren wir fahrlässig, bis wir erkannt haben, dass wir alles daran setzen müssen, die Riffe zu schützen."

Das Domina Resort war in seinen Maßnahmen besonders streng: Vom breiten Strand aus führt kein Weg ins Meer, nur über eine eigene schwimmende Plattform ist das Eintauchen draußen, vor dem Riff, gestattet. (Der Standard/rondo/13/02/2004)

Info:LTU fliegt ab 5. Mai jeden Mittwoch von Wien nach Sharm el-Sheikh. Das Hotel Domina Coral Bay kann über den Anbieter "The Mediterranean Experience" (Tel.: 0049 / 69 / 84848753) gebucht werden. Besonders empfehlenswert ist die Resort-interne Luxusabteilung "Domina Prestige".

Stephan Hilpold tauchte ab
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    Hier kommen Korallenliebhaber auf ihre Rechnung

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