Herzschlag alla genovese

20. Juli 2005, 14:37
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Für Genua 2004 wurden die größten Hits von Fabrizio De Andrè neu ein­ge­spielt. Dem Cant­autore wurde ein eigen­williges Museum errichtet

Die Gassen der Altstadt sind schmale Schluchten, die das Licht auf halber Strecke verschlingen. Musik hallt durch die Via del Campo. Mit jedem Schritt erklingt sie voller und klarer, am lautesten vor der Hausnummer 29, dem Musikgeschäft von Gianni Tassio. Seine Stimme klingt aus dem Halbdunkel des Eingangsschlauches, den Schaufenster mit Plattencovern, Musikinstrumenten, Fotografien und Konzertplakaten säumen. In den Vitrinen findet sich alles, was mit der Musik der Cantautori, der italienischen Liedermacher, zu tun hat. Bloße Vergangenheit für die einen, für Gianni Tassio täglich eine Herausforderung. Behutsam betritt eine Familie das Geschäft. Sie sucht nach der Gitarre des Musikers und Sängers Fabrizio De Andrè.

"Ist sie hier?", fragt das junge Mädchen. "Selbstverständlich", antwortet Gianni Tassio. Klein und kräftig ist er, erzählt, gerne und viel. Der Teenager umgreift die für ihn viel zu große Gitarre mit Vorsicht. "Es war ein kleiner Kampf, die Gitarre hier bei uns in Genua behalten zu können. Sie sollte für einen guten Zweck öffentlich versteigert werden, und aus aller Welt wurde geboten, doch gemeinsam haben wir es geschafft, dass die Gitarre nicht ihre Heimat verlassen musste."

Gianni erzählt die Geschichte von der Gitarre, der Esteve, die Fabrizio De Andrè 1997 und 1998, während seiner letzten Konzerte, spielte. Seine Frau, Dori Ghezzi, schenkte die Gitarre der humanitären Einrichtung Emergency, die sie zur Versteigerung freigab. Letztendlich gelangte sie wieder in die Obhut von Gianni Tassio - für 168,5 Millionen Lire, dank der Unterstützung vieler Genueser Institutionen und Privatpersonen.

Heute verlässt sie sein Geschäft nur noch für Benefizveranstaltungen. Das Geschäft ist Gianni Tassios Leben wie die Via del Campo. Hier begann seine Freundschaft mit Fabrizio De Andrè, dem Gianni viel zu verdanken hat; zu guter Letzt, dass dies sein Geschäft ist, in dem er Musik verkauft, Raritäten zeigt und Heimat bewahrt für alle, die noch die alte Via del Campo im Herzen tragen. Denn außer Giannis Musikgeschäft und einer Bar ist in der Gasse nichts aus alten Zeiten geblieben, den Zeiten des Hafens, der Rotlichtbars, der Seemänner.

Fabrizio De Andrè fand hier, als Sohn aus gutem Hause, seine Zuflucht, in den Gassen beim einfachen Volk, wovon seine Lieder erzählen. Am 18. 02. 1940 in Genua geboren, bricht er ein Jusstudium ab, lernt Violine, dann Gitarre, spielt in Jazzformationen. Er singt französische Lieder, übersetzt Brassens und beginnt, seine eigenen Stücke zu schreiben. Die erste Single erscheint 1958, 1962 folgen weitere, darunter das Lied "Via del Campo". Weitere Aufnahmen wie "La guerra di Piero" oder "La ballata dell' eroe" werden später zu Klassikern. Auch "La canzone di marinella", 1968 mit der Sängerin Mina aufgenommen, wird zu einem Riesenerfolg. 1973 verarbeitet De Andrè die Studentenrevolte von 68 im Album "Storia di un impiegato". Bis 1998 entstehen zahlreiche Alben, begleitet von Konzertauftritten. Im Januar 1999 stirbt De Andrè in einer Klinik in Mailand.

"Creuza de mâ" - in Genueser Dialekt vor 20 Jahren entstanden - ist heute zur Hymne des AC Genua geworden. Bei jedem seiner Heimspiele wogt das Lied durchs Stadion und manifestiert das Genueser Lebensgefühl.

Gianni lacht. Er lässt niemanden gehen, ohne ihm etwas mit auf den Weg gegeben zu haben, eine Erinnerung, ein Gefühl, eine Sehnsucht, geboren aus der Musik Fabrizio De Andrès. (Der Standard/rondo/13/02/2004)

Info: Für Genua 2004 erschien am 7. November 2003 bei BMG die CD "Faber amico fragile . . ." auf dem italienischen Markt. Unter gleichem Namen fand schon am 12. März 2000 ein Gedenkkonzert im Theater Carlo Felice in Genua statt. Italienische Interpreten, u. a. Vasco Rossi und Jovanotti, singen die Lieder von Fabrizio De Andrè.

Von Stephanie Rössing
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    Fabrizio de André bei einem seiner letzten Konzerte

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