Psychotests auf dem Prüfstand

28. April 2004, 14:01
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Bei der Personal­auswahl setzen etliche heimische Unternehmen auf fragwürdige Tests

In Deutschland soll eine neue DIN-Norm für mehr Qualität sorgen. Doch die wird inzwischen von fragwürdigen Testanbietern zu Marketingzwecken missbraucht.

"Mit Insights MDI wird jedem Unternehmen ein Instrument in die Hand gegeben, das schnell, effizient und ergebnisorientiert ist", schwärmt Ernst-Mario Thonhauser von der Wirtschaftskammer Steiermark. Vor allem für die Teamentwicklung sei Insights für ihn "unerlässlich geworden".

Ob zur Personalentwicklung oder Bewerberauswahl, zahlreiche österreichische Unternehmen setzen auf die computergestützte Potenzialanalyse. Auf der Referenzliste stehen unter anderem ABB, die Bank Austria, Ferrero, Post & Telekom Austria, die Reed-Messe und die Bundesministerien für Inneres und Landesverteidigung.

In Zentraleuropa wird das Testverfahren von Frank M. Scheelen und seiner Insights International Deutschland GmbH vermarktet. Österreichischer Lizenznehmer ist die Unternehmensberatung von Professor A. F. Eber in Graz.

"Auf der sicheren Seite"

Seit September vergangenen Jahres ist Insights MDI nach der neuen, in Deutschland veröffentlichten DIN 33430 zertifiziert und genügt damit angeblich deren wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen an psychologische Testverfahren. Anwender seien also auf der sicheren Seite, wenn sie nach der Verfahrensqualität der Potenzialanalyse gefragt werden, schreibt Frank M. Scheelen.

Doch das sind sie keineswegs. Vor kurzem warnte der deutsche Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) Unternehmen davor, fragwürdigen Verfahren wie Insights MDI und ihrer DIN-Zertifizierung auf den Leim zu gehen. Denn die 2002 in Deutschland veröffentlichte Norm bezieht sich nicht auf einzelne Testverfahren, sondern auf den gesamten Prozess der Personalauswahl.

Das reicht von einer detaillierten Stellenbeschreibung über die Anforderungsanalyse und den Einsatz von eignungsdiagnostischen Verfahren wie Tests bis zum strukturierten Einstellungsinterview. Ein Unternehmen, das sich normgerecht verhalten will, muss daher das gesamte Procedere bei seiner Personalauswahl überprüfen.

Zertifizierung ausgeschlossen

Die Zertifizierung einzelner Tests wurde unter anderem auch deshalb explizit ausgeschlossen, weil nicht jeder Test für alle beruflichen Situationen geeignet ist.

Das hinderte jedoch den Q-Pool 100 nicht, dennoch einzelne Testverfahren zu zertifizieren. Hinter der von dem deutschen Berater Walter Simon mit begründeten "Offiziellen Qualitätsgemeinschaft internationaler Wirtschaftstrainer und -berater" verbirgt sich eine Marketingplattform von rund 30 Beratern.

Als Erster bot der Q-Pool 100 eine Zertifizierung nach der neuen Norm an und verlieh diese ausgerechnet dem Test DNLA (Discovery of Natural Latent Abilities), dessen Vermarkter in der Vergangenheit aufgrund irreführender Werbung heftig in die Kritik geraten waren.

Abmahnungen

Der BDP ging daher mit Abmahnungen und Klage gegen den Q-Pool 100 vor.

Im Oktober unterschrieb die Q-Pool-Geschäftsführung daher eine Unterlassungserklärung, künftig keine DIN-Zertifikate für Verfahren mehr auszustellen. Das hinderte Q-Pool-Zertifizierer Simon jedoch nicht - noch kurz davor -, auch Insights MDI nach der DIN-Norm zu zertifizieren.

Dabei ist auch dieser Test umstritten. So urteilte Professor Fran¸cois Stoll von der Universität Zürich bereits 199 in einer Testrezension zur Insights-Profilanalyse: "Unbrauchbares Instrument, dessen schwache theoretische Fundierung durch eine fehlerhafte Operationalisierung verschlimmert wurde und keine partielle Verbesserung zulässt."

Und der deutsche Diagnostikexperte Professor Reinhold S. Jäger, der das Verfahren kürzlich unter die Lupe nahm, kam auch nach der Analyse der neuesten "wissenschaftlichen Insights-Studien" zu dem Schluss: "Das Verfahren basiert auf wissenschaftlich ungesicherten Modellen und erfüllt daher nicht die Anforderungen der DIN 33430. Von seinem Einsatz bei der Personalauswahl, -entwicklung, Coaching und Training muss daher abgeraten werden." (Bärbel Schwertfeger, DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.2.2004)

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    Auch in Österreich setzen Personalchefs auf Tests, die als "wissenschaftlich ungesichert" identifiziert wurden

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