"Nachtreise": Im Untergrund am Wiener Brunnenmarkt

15. Juli 2004, 12:08
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Kenan Kilic' mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnete Spielfilm "Nachtreise" erzählt vom Dasein türkischer Migranten

Wien – Der Alltag im Kellerlokal gestaltet sich nach eingeübten Mustern. Vor allem Männer sitzen hier an den Tischen beisammen, man raucht, trinkt Tee, spielt Karten und Saz, ein traditionelles Saiteninstrument, oder unterhält sich in der Muttersprache. Und jedes Mal, wenn das Licht ausfällt, geht das gleiche Raunen durch den Raum: "Was ist denn los? Sind wir in Istanbul?"

Mitnichten. Kenan Kilic, gebürtiger Türke, hat mit Nachtreise einen Film über Migranten in Österreich am Wiener Brunnenmarkt gedreht. Während andere europäische Länder wie Frankreich oder auch Deutschland schon längst über Regisseure ausländischer Herkunft verfügen, die Lebensbedingungen von Fremden verhandeln, steht Kilic mit seiner Arbeit hierzulande ziemlich alleine da. Nicht zuletzt deshalb kommt seiner Arbeit, die 2002 mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnet wurde, Bedeutung zu.

Täuschende Enklave

Gemächlich, in seinem Fokus auf Details und spezifische Verrichtungen zunächst dokumentarisch anmutend, nähert sich Kilic dem Milieu. Weniger die Erzählung steht im Vordergrund als die Ausmessung eines sozialen Innenraums, der eine Art Enklave darstellt.

Die dort herrschende Harmonie täuscht jedoch, denn die meisten der Anwesenden befinden sich illegal im Land: Sie suchen im Lokal Anschluss, Jobs oder auch nur Zerstreuung. Dass ihr prekärer Status mitunter auch von den eigenen Landsmännern ausgenutzt wird, spart Nachtreise nicht aus: Es gilt, billige Arbeitskräfte zu finden.

Für ökonomische Zusammenhänge interessiert sich Kilic jedoch nur am Rande, eher geht es ihm um eine existenzielle Befindlichkeit, wenn der Selbstmord eines älteren Mannes die zweite Hälfte des Films bestimmt. Die Gründe für die Tat bleiben unausgesprochen, die Bilder, die ihr vorausgehen, zeigen einen entfremdeten Menschen, der am Markt stumm das Entschuppen eines Fisches mitverfolgt.

Die illegale Leiche im Keller schmiedet indes die hinterbliebenen Freunde wieder zusammen. Sie schafft Solidarität in der Not, eine Zweckgemeinschaft, die nicht von ungefähr an jene von Gangstern erinnert, die einen Ermordeten unter die Erde bringen müssen. Da fällt dann auch einmal der Strom mit Absicht aus. Kilic entgeht dabei der Gefahr, die Figur des Toten zu sehr als Symbol zu beanspruchen: Er bleibt bis zuletzt lapidar im Tonfall und ganz jenen verpflichtet, die er am besten kennt. (DER STANDARD, Printausgabe,12.2.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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nachtreise.at

Ab 13.2. im
De France Kino
  • Artikelbild
    foto: kilic
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