Leben mit dem Parkanalgen

9. April 2004, 16:25
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Unter dem Vorwand der Blattkritik versucht die STANDARD-Redaktion täglich dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, ob es möglich ...

... sei, die fehlerfreie Zeitung zu produzieren. Da dies in fünfzehn Jahren noch keinem der gewöhnlich journalistischen Blattkritiker gelungen ist, setzen wir gelegentlich unsere Hoffnung auf redaktionelle Außenseiter.

So wie gestern, als sich eine Kollegin dieser Aufgabe unterwand, deren kritischer Verstand einer anderen Abteilung des Hauses zugute kommt, also frei von journalistischer Betriebsblindheit und professioneller Deformation ist. Das Ergebnis war ermutigend. Kann es hier auch nicht in vollem Umfang referiert werden, sollen wenigstens einige ihrer Gedanken für die Leserinnen und Leser festgehalten werden.

Mit der einleitenden Feststellung, die Seite 1 sei optisch katastrophal, verschaffte sie sich von Anfang an große Aufmerksamkeit, sodass es keinen Widerspruch mehr gab, als sie den Titel Kanzler stützt Finanzminister als zu optimistisch beanstandete, verlangte doch der Kanzler im Untertitel, der Fall sei aufzuklären. Bei dieser Thematik scheint einiges misslungen zu sein, denn auch der Titel auf Seite 7 - Schüssel deckt Grasser - schien ihr, wie die Dinge liegen, ein wenig frivol - etwas zu viel, wie sie sagte.

Auf dieser Seite blieb ihr kritischer Blick auch bei der Feier eines Komplizierten hängen, einer Würdigung von Fred Sinowatz zu seinem 75. Geburtstag. Beim Text unter dem Foto, das den Jubilar und seinen Laudator Franz Vranitzky zeigte, hätte man sich die Orientierungshilfe rechts und dahinter sparen können, meinte sie. Zu viel des Guten, zumal das Geburtstagskind doch schon auf Seite 1 unter dem Titel Kompliziert gewürdigt werde.

Ihrem scharfen Auge entging nicht, dass das noch nicht alles war. Auch im Kalender kam der Altkanzler vor, diesmal in Kombination mit Carl Spitzweg, malte das Bild "Junger Mann, von Nixe überrascht. Was zwanghaft zur Parallelaktion führte: Fred Sinowatz, Politiker, von der Cancan tanzenden Marlene Charell überrascht. Ein Geburtstag an drei Stellen des Blattes gewürdigt, das schien der Kritikerin etwas viel. Andere Blätter haben das in einer Geschichte erledigt. Das geht natürlich auch.

Anlass zu naturwissenschaftlichen Betrachtungen lieferte die Seite 8, wo ein Beitrag der Lokalredaktion zur Biotechnik zu würdigen war: das Parkanalgen. Klein und diskret, wie diese Dinger nun einmal sind, sind sie nur schwer zu entdecken. Wer hätte ein Gen dieses Namens auch in der Geschichte Diskussion um Wiens Sicherheit und nicht ganz woanders vermutet? Was droht, ist aber keine neue Seuche, sondern die Forderung der ÖVP nach einer eigenen Stadtpolizei, die U-Bahn-Stationen, Parkanalgen und den Verkehr überwachen soll. Damit konnte auch geklärt werden, dass das Parkanalgen zur STANDARD-Großfamilie der Schlampereigene gehört, die durch eine erstaunliche Korrekturresistenz auffallen.

Angeregt von den Forschungsergebnissen der Blattkritikerin präsentierte der Chefredakteur die Erkenntnis, der Text zum Foto auf derselben Seite, das einen aus dem Wasser auftauchenden Bären zeigt, sei partiell ein kompletter Blödsinn. Das Versprechen, Sonntag, wenn das Wetter wieder kühler wird, werden die Bären wohl wieder untertauchen, sei unvereinbar mit dem menschlichen Wissen über den Winterschlaf der Bären. Offen blieb, ob nicht schon der Titel Warme Temperaturen lassen Bären auftauchen ebenfalls ein kompletter Blödsinn war.

Im Wirtschaftsteil wurde der Aufmacher Investitionen befeuern Konjunkturmotor im Osten als eines Blattes der Dampfmaschinenära würdig kritisiert, unangemessen einer Zeitung, die Licht ins Dunkel des Netbusiness zu bringen suche. So billig kam der Kulturteil nicht davon. Der Titel des Interviews mit dem Regisseur Anthony Minghella Die Leinwand mit Geschichten füllen animierte die Kritikerin nur zur Frage: Mit was denn sonst?

Der Einwand, es gebe ja auch Dokumentarfilme, zerschellte am Wording der Einleitung, wo es hieß: Regisseur Anthony Minghella sprach mit Isabella Reicher über die Kumpelqualitäten von Nicole Kidman, was Zweifel aufkommen lasse, ob nun Minghella den STANDARD oder DER STANDARD Minghella interviewt habe. Uneingeschränktes Lob fand hingegen der Beitrag Mathematik in Rock: "Tritarre" für die Stones, und es war auch gut begründet: Verstanden hat das eh keiner.

Und so verging uns die Zeit wie im Flug. Ein letzter Seufzer beim Aufschlagen des Kommentars der anderen. Erleichterung: Im Beitrag Peter Wartas kam fünfmal der Name des Nationalratspräsidenten vor, und nur zweimal hieß er Kohl. Im Leserbrief Karl Schwarzenbergs stand einmal das statt richtig "dass". Die Forderung, Fehler doch wenigstens in Leserbriefen zu korrigieren, scheiterte an der Vermutung: Die machen wir doch hinein. Kritik bringt eben doch etwas.
(DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2004)

Von Günter Traxler
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    foto: derstandard.at
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